Vom Urknall zum Weltei

📚 Blogserie: Religions-Äquivalenz von Abendland und Hindustan Teil 1

Gemeinsame Kosmologie von Edda und Veda

(Religionswissenschaftlicher Essay von Patthopada)

Einleitung

Moderne Naturwissenschaft und alte Mythen stehen nicht im Widerspruch zueinander.
Sie sprechen lediglich verschiedene Sprachen, um dieselbe Wirklichkeit zu beschreiben.

Während die heutige Kosmologie von Urknall, Expansion und Gravitation spricht, erzählen die alten Religionen von Welteiern, Feuer- und Eiswelten, Schöpfung und Wiederkehr.
Erstaunlich ist dabei nicht der Unterschied – sondern die Übereinstimmung.

Besonders auffällig ist die strukturelle Nähe zwischen der nordisch-germanischen Edda und den indischen Veden.

Der Urknall und das Weltei

Nach heutigem wissenschaftlichem Verständnis war das Universum vor rund 12 Milliarden Jahren auf einen extrem dichten Zustand konzentriert – ein sogenanntes Ur-Atom.
Aus diesem Zustand heraus kam es zu einer gewaltigen Expansion: Raum, Zeit, Energie und Materie entstanden.

Die indische Kosmologie beschreibt diesen Zustand als Hiranyagarbha, das „goldene Weltei“.
Alles Existierende war darin potenziell enthalten, noch ungetrennt, noch formlos.

Auch die Edda kennt dieses Bild:
Vor der Schöpfung existierte Ginungagap, die „gähnende Kluft“ – ein Zustand zwischen Sein und Nichtsein.

Wissenschaft nennt es Singularität.
Mythologie nennt es Chaos.
Beide meinen dasselbe.

Feuer und Eis – die Urpolarität

In der nordischen Kosmogonie entstehen die Welten aus der Begegnung zweier Prinzipien:

  • Muspelheim – Feuer, Hitze, Expansion

  • Niflheim – Eis, Kälte, Verdichtung

Zwischen beiden Polen entsteht Leben.

Die indische Lehre kennt dieselbe Polarität:

  • Shiva als zerstörende, auflösende Kraft

  • Vishnu als erhaltendes, ordnendes Prinzip

Ohne Zerstörung keine Erneuerung.
Ohne Ordnung kein Bestand.

Auch die moderne Physik beschreibt das Universum als Spiel von Expansion und Gravitation, von Energie und Materie, von Plus und Minus.

Sterne, Planeten und das richtige Maß

Aus der heißen Urmaterie bildeten sich durch Gravitation Nebelwolken, daraus Sterne.
Kleinere Materieansammlungen wurden zu Planeten und Kometen.

Vor etwa 4 Milliarden Jahren entstand unsere Sonne – und die Erde in genau jenem Abstand, der Leben erlaubt.

Die alten Religionen wussten um dieses richtige Maß:

  • In Indien spricht man von Rta, der kosmischen Ordnung

  • In der Edda von Miðgarðr, der „mittleren Welt“

Der Mensch lebt nicht im Extrem, sondern im Dazwischen.

Eiszeiten als Erinnerung im Mythos

Die Erde durchlief lange vor dem Menschen mehrere Eis- und Warmzeiten.
Kontinente verschoben sich, Meere stiegen und fielen, ganze Landschaften verschwanden.

Die Edda bewahrte diese Erinnerung im Mythos der Fimbulwinter, der Schreckenswinter.
Eis- und Feuerriesen stehen sinnbildlich für Gletscher und Vulkane.

Auch die indische Tradition kennt zyklische Weltenalter, in denen Aufstieg und Verfall einander ablösen.

Mythen sind keine Märchen.
Sie sind Gedächtnisspeicher der Menschheit.

Zyklische Zeit statt einmaliger Schöpfung

Ein entscheidender Unterschied zum heutigen Christentum liegt im Zeitverständnis.

Edda und Veda kennen:

  • keinen einmaligen Anfang

  • kein endgültiges Ende

  • kein ewiges Paradies oder ewige Hölle

Stattdessen: Zyklen.

Welten entstehen, vergehen und entstehen erneut.
Genau so beschreibt es heute auch die Kosmologie:

  • Sterne explodieren

  • neue Sterne entstehen

  • Galaxien kollabieren und bilden sich neu

Was der Mythos als Wiedergeburt beschreibt, nennt die Wissenschaft kosmische Evolution.

Der Mensch im Kosmos

In beiden Traditionen ist der Mensch kein Fremdkörper, sondern Teil des kosmischen Geschehens.

Er ist:

  • aus denselben Elementen wie Sterne gebildet

  • dem Wandel unterworfen

  • fähig zur Erkenntnis

Die Aufgabe des Menschen ist nicht Unterwerfung, sondern Erkenntnis der Ordnung.

Oder, wie es später Buddha formulierte:

„Wer die Welt erkennt, erkennt sich selbst.“


Ausblick auf Teil 2

Wenn Mythen kosmische Wahrheiten bewahren –
dann bewahren sie auch Erinnerungen an reale Katastrophen.

Im nächsten Teil wenden wir uns daher den Eiszeiten, Sintfluten und versunkenen Landschaften zu:

👉 Teil 2:
„Fimbulwinter und Sintflut – Erinnerungen an eine vergessene Erdgeschichte“

Anmerkung

Dieser Beitrag versteht sich als religionswissenschaftlich-mythologischer Vergleich und erhebt keinen dogmatischen Anspruch.

Leserfrage

Sind die Parallelen zwischen Edda und Hinduismus Ausdruck einer gemeinsamen Urtradition – oder wurden sie bewusst aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt

Literaturtipps
  1. Snorri Sturluson – Edda

  2. Rig-Veda – vollständige Ausgabe

  3. Mircea Eliade – Kosmos und Geschichte

  4. Georges Dumézil – Götter und Mythen der Germanen

  5. Heinrich Zimmer – Indische Mythen und Symbole

  6. Julius Evola – Revolte gegen die moderne Welt

  7. Ananda K. Coomaraswamy – Hinduismus und Buddhismus

  8. Joseph Campbell – Der Heros in tausend Gestalten

Allgemeine Anmerkung zu unseren Literaturtipps

Unsere Literaturhinweise sollen den Leserinnen und Lesern eine Orientierung bieten und unterschiedliche Blickwinkel auf die behandelten Themen ermöglichen. Dazu zählen sowohl klassische wissenschaftliche Werke als auch kulturhistorische, spirituelle oder interpretative Texte.

Nicht jede empfohlene Quelle entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Einige Titel bieten vielmehr alternative Sichtweisen, mythologische Deutungen oder persönliche Interpretationen der jeweiligen Autoren. Wir laden unsere Leser bewusst dazu ein, sich eigenständig ein Bild zu machen, kritisch zu vergleichen und bei Interesse auch auf wissenschaftlich gesicherte Fachliteratur zurückzugreifen.

Die Auswahl der Literatur soll daher als Anregung verstanden werden, nicht als abschließender Maßstab. Wir empfehlen, verschiedene Quellen heranzuziehen, Fragen zu stellen und das eigene Verständnis kontinuierlich zu erweitern.

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