Teil I – Zufluchtnahme, Liebe und Ankunft im Paradies
Einführung
Diese Erinnerungen schildern den Weg einer Familie vom Niederrhein bis nach Thailand – von buddhistischer Zufluchtnahme und familiären Lebensstationen bis zur ersten Begegnung mit tropischer Landschaft, Kultur und Humor des Reisens.
Der Bericht verbindet persönliche Biografie, buddhistische Praxis und lebendige Reisebeobachtung zu einer warmherzigen Lebensgeschichte.
Kapitel 1: Zufluchtnahme
Wir wohnten im traditionsreichen Mennoniten-Städtchen Krefeld am Niederrhein und wechselten fünfmal in fünf immer bessere Wohnungen. Und in jeder dieser Wohnungen brachte meine junge, hübsche Frau ein Kind zur Welt: drei Jungen und zwei Mädchen.
Als ich meine Altersrente endlich erreicht hatte, mietete mein ältester Sohn in einem kleinen Nachbardorf ein kleines Kiosk mit einer 60-qm-kleinen Wohnung. Dort setzte mich mein Sohn als Verkäufer ein, und unser jüngster Sohn war mit seinen fünf Jahren dort bald so bekannt wie eine bunte Kuh. Er saß meist auf der Treppe vor dem Kiosk, und wenn die Schulklassen zur nahen Turnhalle vorbeizogen, riefen immer ein Dutzend Kinder: „Hey Björn!“
Mein zweitältester, erwachsener Sohn wohnte am Stadtrand im großen Eigenheim bei seiner Lebensgefährtin. Deren junge thailändische Stiefmutter hatte im großen Garten einen kleinen Tempel errichtet, und im Anbau unterhielten sie zwei thailändische Mönche. Kein Wunder, dass wir dort feierlich die Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha fanden.
Klein Björn sagte zu mir, dass er sich im Buddhismus unsterblich fühlte. Er wurde größer, und wir besuchten die Buddha-Feste im Thaikloster „Wat Dhammani Wasa“ (Tempel der Lehre des Lebens) öfter. Dort machte Björn dann mit 14 Jahren sein Noviziat.
Ich überreichte ihm seine gelben Gewänder, beide am Boden gegenüber hockend, und er empfing sie mit kahlgeschorenem Kopf und überreichte mir seine blond abgeschnittenen Haare. Er war der Größte unter den anderen kleinen Buddhas. Sie sprachen Thai und rezitierten stundenlang in Pali.
„Wenn das mal gut geht!“, sagte ich zu meiner Frau beim Verlassen des Wat. Unter frommen Pali-Rezitationen übergab ich nach buddhistischer Tradition seine Locken dem guten Vater Rhein, der sie ins Weltmeer trug.
Kapitel 2: Wo die Liebe hinführt
Nach der Kiosk-Zeit zogen wir wieder nach Krefeld, wo wir einen kleinen Imbisswagen auf einem nahen Marktplatz unterhielten. Meine liebe Frau schmiss den Laden, und ich besorgte die Einkäufe, sodass wir immer frische, knackige Brötchen als Beilage hatten (jeden Samstag über 300 Stück und ebenso viele Tassen Kaffee).
Björn wurde größer, wir verkauften den Imbisswagen und betätigten uns mehr hobbymäßig als Platzwart auf dem Tennisplatz eines Oberliga-Vereins.
Björn fand im Internet ein Thaimädchen aus Münster und zog ihretwegen dorthin auf eine höhere Schule. Wo die Liebe halt hinfällt. Björn erlernte gleich zwei Berufe, einen handwerklichen und einen technischen.
Dann fand seine standesamtliche Trauung statt, gefolgt von einer Hochzeitsreise nach Thailand. Das war nach Weihnachten, wo es hier so kalt und dort die heißeste Zeit ist. Wir Eltern flogen natürlich mit, wo die anderen alle familiär und beruflich verhindert waren.
Von Krefeld fuhren wir mit dem Taxi, insgesamt zehn Personen, zum Düsseldorfer Flughafen. Ich als kleiner Weltreisender freute mich, aber meine liebe Frau Angelika, der es schon auf der Bockleiter schwindelig wurde, machte ein Gesicht wie im Kreissaal.
Dann ging es in den Flieger der Emirate. Als die Maschine wie ein Omnibus zur Startbahn fuhr und dann Geschwindigkeit wie auf dem Nürnberg-Ring aufnahm, wackelte ihr Kopf wie der Sitz, in den sie sich hineinpresste. Ich hielt ihre Hand, und sie starrte mit angehaltenem Atem auf die schönen Tapetenbilder Richtung 1. Klasse.
Ich forderte meine Frau auf, doch einen Blick durchs Bullauge zu machen, wo die Landschaft nur so vorbeiflog. Dann flogen auch wir, und die Welt unter uns glich einem Modellbau. Angelika registrierte, dass nichts schiefgegangen war, und lugte vorsichtig aus einem Seitenfenster, ohne den Kopf dabei zu bewegen.
Wolken hingen wie Wattebällchen über winzigen Häusern und fadenförmigen Straßen und Flussläufen. Der Flieger drehte ab, sodass nun die Miniaturwelt durch die Bullaugen an der anderen Flugzeugseite zu sehen war, und der mächtige Flügel an unserer Seite nur den weiten, blauen Himmel erkennen ließ wie ein himmlisches Meer.
Ich scherzte und entlockte der verkrampften Fußgängerin ein Lächeln. Nach 15 Flugstunden und zahlreichen House-Running-Gängen zur Toilette hatte sie die Flugprüfung bestanden.
Beim Zwischenstopp in Dubai schlug uns die Hitze wie ein im Herd vergessenes Frühstücksbrett ins Gesicht. Damals kostete dort ein kleines Blondes bereits zehn Euro. Zum Glück hatte jeder von uns nur für sich selbst bestellt, denn in Thailand muss laut Landessitte immer der Älteste für alles bezahlen. Wer das nicht macht, gilt in den Augen der Einheimischen als „shin kao“, ein Ausdruck, den kleine Kinder auf dem Töpfchen sagen und der mit „Geizhals“ in guter Stube übersetzt wird.
In Bangkok staunten wir über die vielen Hochhäuser, die oben auf dem Dach noch kleine Einfamilienhäuschen huckepack trugen. Die Autobahnschlangen kringelten sich wie Spaghetti in drei, vier Lagen übereinander – ein total surrealer Anblick.
Dann bestiegen wir einen kleineren Thaiflieger, der wie ein Vogel aussah und auch so hieß: „Gog!“ Während des Fluges fühlte man sich wie auf einer Kaffeefahrt, und die Flugbegleiterinnen zeigten nicht, wie man sich angurtet, sondern wie man sich kleidet oder schminkt.
Der kleine Endflughafen Ao Nang (bei Krabi) erinnerte mich an unsere Tennisplätze, aber statt Tennisbällen flogen am Rollbahnzaun in unmittelbarer Nähe Golfbälle durch die Luft.
In der Dunkelheit erreichten wir unser Super-Hotel „Silber Orchidee“.
Hochzeitsreise nach Thailand – Teil 2
Kapitel 3: Pakawadie im Paradies
Ein Geräusch riss mich aus seligem Tiefschlaf, so als würden Kinder mit Zunge und Gaumen schnalzen, ähnlich den Gesprächen von Buschmännern. Es waren aber weder noch, sondern fingerspannenlange Geckos, die an der Decke über unserem Nachtlager nach Insekten jagten – nützlich wie unsere heimischen Spinnen, nur viel beliebter.
Mühsam ordnete ich meine Gedanken: „Wo bin ich? Was war gestern?“ Ich erinnerte mich an das ständige Geräusch der Flugzeugdüsen, das jetzt vom selbigen Geräusch der Klimaanlage lückenlos abgelöst wurde.
Wir waren in pechschwarzer Nacht im Hotel angekommen, tranken in der Abendhitze (30 Grad) auf dem Hotelbalkon einheimisches Löwen-Bier nach deutschem Reinheitsgebot und starrten in den ebenso finsteren Wald gegenüber von uns, den wir mit unseren Taschenlampen beleuchteten.
Tierschreie kamen mitunter aus dem Wald, und die sonst so vertrauten Sterne über uns sahen wie die Konturen ostfriesischer Inseln aus. Jetzt, wo die Temperaturen auf 40 Grad anstiegen, starrten wir – Männer mit nacktem Oberkörper – zum Wald, der sich in ein schroffes Sandsteingebirge verwandelt hatte. Ein bizarres Relief wie das Gebilde einer Tropfkerzenflasche!
Um den großen, blauen Swimmingpool standen hohe Palmen, an denen ebenso große Geckos auf- und abliefen. Vom Pool plätscherte ein künstlicher (?) Wasserfall, und Vögel flogen über uns wie weiße und braune Schmetterlinge, die eigentlich nur aus langen Flügeln mit einem noch längeren Schnabel bestanden.
Dann kam meine Schwiegertochter in spe, die mit 14 Jahren nach Deutschland zu ihrer Mutter und deutschem Stiefvater gekommen war. Jetzt blühte sie in ihrer Heimat auf wie eine Topfpflanze, die in den Frühling hinausgestellt wurde.
Pakawadie im Paradies, die als kleines Kind nur „Pui“ genannt wurde, wie ich meine erste Liebe im ersten Schuljahr nur „Pupa“ nannte, die eigentlich „Irmgard“ hieß und nur von meinen mitgebrachten Süßigkeiten angelockt wurde.
Ihr kennt es doch: Wenn Familien zusammenkommen und die Männer sich mit zusammengesteckten Köpfen Witze erzählen und die Frauen zusammensitzen und über Mode und Kochrezepte plaudern. So ging es uns auch in Thailand, was im Grunde sehr angenehm war.
Wir befanden uns in Äquatornähe und in einer Touristenzone, wo allerdings statt Rucksackjugend Reisebusse mit Bienenschwärmen von Chinesen ankamen, vorbeifuhren oder wieder abfuhren.
Im großen Speisesaal war das Frühstück bombastisch – man konnte bis mittags dort „Essen fassen“, nur das Fleisch auf dem Toast schmeckte sehr vegan.
Jeder Thailandreisende weiß, dass man nur Mineralwasser trinken darf, und wir putzten uns selbst die Zähne damit. Überall gab es das „Kristall“, welches die Coca-Cola-Werke aus dem Grundwasser Afrikas absaugten und nach Asien in Riesentanks verschifften.
An jedem WC hing eine „Damendusche“, aber das Hotel erhörte unsere Bitte nach Toilettenpapier. Das war schon wegen der ersten drei Urlaubstage der Speiseumstellung für alle nötig – auch für die schöne Pui.
Auf dem Tisch der Rezeption stand ein fußgroßes Holzkrokodil. Wenn man mit einem Holzgriffel über dessen gezackten Rücken strich, kam ein Grunzgeräusch aus dessen hohlem Bauch, und ein Page mit ebenso hölzernem Gesicht fragte nach unserem Begehr.
Wir hätten ein kostenloses Tuk-Tuk (eine Drei- bis Viermann-Rikscha mit Mofa-Antrieb) zum Strand am nahen Indischen Ozean bestellen können, aber wir ließen das Holzkrokodil schlafen. Stattdessen gingen wir zu Fuß an einem Orchideensumpf vorbei eine Anhöhe empor, wo mehrere Palmenpavillons standen und ein Holländer mit „Matjes“ und „Frikandel“ auf seinem Plakat lockte.
Mädels riefen „Männer!“, und uns Männer zog es natürlich nur zu einem kühlen Hennessy-Bierchen. Danach folgten wir der Einladung zum Billardspiel. Den bedauernswürdigen, in den Hintergrund verbannten Holländer nötigte ich, vom Computer das (in Krefeld einmal so bekannte) holländische Rockmusikstück „Kom van dat dak af!“ rauf und runter zu leiern. Vom Pavillon-Dach fiel dann auch ein Gecko auf mein holländisches Frikandel.
Nächsten Tags wählten wir ein Tuk-Tuk, um endlich den Strand zu genießen. Der Fahrer musste sich wie ein Cowboy weit über sein Blechross beugen, damit die Räder nicht am Wegeshang in die Luft griffen.
Das Städtchen Ao Nang war kunterbunt voller Leben. Dicke Elektrokabel hingen gebündelt an hölzernen Masten, von denen geduldet wurde, Strom in die Privatwohnungen abzuzapfen. Die Färbung der Parabolantennen verriet die Gebührenklasse ihrer TV-Benutzer, soweit ich das verstanden habe.
In der Stadt wurde „Seven-Up“ mein Lieblingsdiscounter – ein Klein-Aldi! Hier tummelte sich die Backpack-Szene aus den Billigherbergen mit Gitarren, Sang und Tanz zwischen Feuerschluckern und Cowboys mit Seeadler auf der Schulter.
Ich liebte den haschischverführenden, verbotenen Song vom „Monkeyman“ und konnte am Palmenwäldchen durch die Ritzen der Armenhütten arbeitende Frauen hocken sehen.
Am Strand saßen wir unter den, vom letzten Tsunami noch beschädigten, Sonnenschirmen und schlürften kühle Cocktails aus Kokosnussschalen. Zu den vier Mondphasen im Monat, den Buddha-Feiertagen, achteten Ordnungsämter darauf, dass kein Alkohol ausgegeben wird. Ich trank mein geliebtes Singha (die Bodhisattvas mögen mich verzeihen) dennoch im Limoglas.
Der Strand war so heiß, dass wir ihn nur zum Meer und zurück barfuß durchrennen konnten. Ich konnte Hunderte Meter weit in den Ozean, aufrecht stehend, hinausgehen, bis die seichten, pipiwarmen Wellen meine Schulter umspülten. Angelika hielt immer ängstlich nach meinem gelben Strohhut Ausschau.
Als ich mich endlich einmal zu ihr setzte, stellte ich einen Sonnenbrand auf meinen Füßen fest, den ich dort durch das Meerwasser hindurch bekommen hatte.
Björn und sein Freund Roland: Roland saß ein kleiner Affe auf der Schulter, der respektlos unsere Power-Riegel stahl. Als Roland seinen Daumen in die Höhe hob, machte das Äffchen dieselbe Bewegung, worüber wir alle lachten. Pui hielt diesen Augenblick à la Asia natürlich mit ihrem Handy fest.
Unter den telegraphenmast-hohen Palmen am Strand huschten wir schnell vorbei. Eine von oben herabfallende Kokosnuss hätte dich wie eine Bowlingkugel niedergeschmettert. Auch sollte man nie eine herabgefallene Kokosnuss aufheben, denn Ratten bohren dort Löcher hinein, und Schlangen schlüpfen hinterher, um eben diese aufzulauern.
Den River Kwai herunter kamen Frauen aus dem Norden mit Pickelhauben aus Wolle auf dem Kopf gestapelt, um sie den Urlaubern zu verkaufen.
Ein älterer Mann kam pünktlich an unsere Tische mit einer Bambusstange auf der Schulter. An einem Ende hing eine Schale mit Holzkohle und am anderen ein Beutel mit Maiskolben. Die wurden flink gegrillt und uns für je 35 Baht (1 Euro) mit einem kleinen Zahnstocher zum Kauf geboten.
Auch eine Frau mit einem Korb voller Berliner Ballen (Krapfen) fand sofort bei uns Abnahme. Meine Frau liebte diese besonders, weil sie dick, voller Marmelade und so fettarm waren. Wir kauften sie (35 Baht) je Stück vom ersten bis zum letzten Strandbesuch, und während dieser langen Zeit wusste sie immer noch nicht, dass diese Dinger „Berliner“ hießen.
Am Strand stand eine Reihe Kosmetikliegen, eine neben der anderen, wo man zur Fuß- und Nagelpflege eingeladen wurde. Roland fragte nach dem Tagelohn eines dortigen jungen Mädels. Sie war so jung wie er selbst, und er zahlte ihr ihren ganzen Monatslohn – so blieb sie auch den ganzen Urlaub an seiner Seite, tuckerte mit ihm auf einem Mofa durch die Landschaft, schlief heimlich in seinem Hotel und machte, was alle verliebten Mädchen machen: Sie genossen nur noch zum Frühstück unsere Gemeinsamkeit.
Oft klopfte Björn besorgt an die Hoteltür seines Freundes und atmete erleichtert auf, als dessen Stimme „Keine Zeit!“ ertönte.
(Fortsetzung folgt)
Leserfrage
Welche Begegnung oder Reise hat in Ihrem Leben den Blick auf Familie, Glauben oder Heimat dauerhaft verändert?
Buddhistische Überlegung
Reisen zeigt anschaulich die Lehre von Anicca – der Vergänglichkeit.
Wohnungen wechseln, Kinder wachsen, Beziehungen entstehen, Länder verändern unseren Blick – nichts bleibt fest. Gerade im Wandel offenbart sich jedoch Verbundenheit: Familie, Zuflucht und Mitgefühl tragen weiter als jeder Ort.
So wird selbst eine Hochzeitsreise zu einer Übung in Achtsamkeit:
Nicht das Ziel, sondern das gemeinsame Erleben ist der Weg.
Weiterführende Literatur
Walpola Rahula – Was der Buddha lehrte
Bhikkhu Bodhi – In den Worten des Buddha
Ajahn Chah – Ein stiller Waldteich
Reisehandbuch Thailand (z. B. Stefan Loose oder Lonely Planet)

unsere Reise nach Thailand Teil 1&2
Lesedauer 8 MinutenTeil I – Zufluchtnahme, Liebe und Ankunft im Paradies Einführung Diese Erinnerungen schildern den Weg einer Familie vom Niederrhein bis nach Thailand – von buddhistischer

Jenseitsort, am Fluss unendlichen Leidens
Lesedauer 3 MinutenVision, Lebensrückschau und das Mitleid als karmische Erkenntnis Ich begab mich mittels einer esoterischen Technik, in einer nächtlichen Transformation, wo ich am Rande der universalen

Augen als Fenster der Seele
Lesedauer 6 MinutenZwischen Mythos, Medizin und Menschheitsgeschichte Wie die Zähne die offenen Teile der Knochen sind, so die Augen als offene Teile unseres Gehirns. Augen sind die erfolgreichsten