Ein schöner Tag für Tote

Erinnerung, Traum und stille Wiederbegegnung

So wie die Sonne die Wolkenschleier zerreißt, um guten Menschen ins Gesicht zu lachen, erging es mir nach kalten Nächten.
Die Sonne schien mit warmen Strahlen durchs Fenster, und ich ging in den Garten, um die kleinen, dankbaren Meisen und Rotkehlchen zu füttern.

Die Meisen hatten den größten Hunger. Krähen und Dohlen kündigten meinen Rundgang an und fraßen sich als Erste satt. Sie rupften, zupften und hackten so hart, dass für die später hinzukommenden Tauben am Boden noch genug herabfiel von den fest an den Ästen verschnürten Nestbeuteln mit Meisenknödeln.

Dann zirpten die kleinen gelb-blauen Federknäuel aus ihren Verstecken und pickten sich die Körner aus der verbliebenen Mahlzeit – diszipliniert abwartend wie eine Schulklasse: immer einer nach dem anderen. Jeder kam dran, keiner wurde vergessen.

Die armen Rotkehlchen konnten sich mit ihren zarten Füßchen nicht an die Futterbeutel hangeln. Sie warteten mit Blick auf das leere Futterhäuschen im beschnittenen Mirabellenbaum. Den hatte ich mit Absicht so zurechtgeschnitten, dass er sich wehrte und lange Stacheln hervorbrachte – wie Christusdornen. Dazwischen setzte ich das Futterhäuschen, unerreichbar für Raben.

Mit einer Kinderschaufel schüttete ich getrocknete Mehlwürmer hinein. Ich klopfte an das tote Holz wie ein Specht, der nach Maden bohrt, und wartete versteckt. Die kleinen Verdrängten verständigten sich mit leisem Piepsen, als das „Tischlein gedeckt“ war, und holten sich ihre Leckerbissen.

An diesem ersten sonnigen Frühsommertag kam ich an der Hollywoodschaukel vorbei, auf der zu dieser Zeit meine verstorbene Frau wohl mit mir gesessen hätte. Nun wiegte nur der Wind ihren Sitz.

Kleine Schneeglöckchen und blaue Krokusse reckten ihre Hälse über den grünen Rasen. Mit Tränen pflückte ich diesen Vorfrühlingsgruß und trug ihn in die Stube – zum kleinen Wandtempel mit dem Erinnerungsbild meiner Frau. Ich wechselte die verwelkten Blumen im Wasserglas aus und stellte den frischen Gruß hinein.

Dann lehnte ich mich zufrieden in meinen Sessel zurück und trank eine warme Tasse „Broken Orange“, englisch zubereitet, mit viel Milch und Zucker. Die Sonne wärmte mein Gesicht durch die Fensterscheiben.

Ich dachte daran, wie meine Frau und ich an Wintertagen im Haus meines Bruders Ingo am Kamin saßen, so lange, dass uns die offene Flamme einseitig die Gesichter bräunte. Ich lachte damals und sagte:
„Du kannst dir die andere Seite braun pudern – aber wie sieht das dann bei mir aus?“

Mit diesen Gedanken schlief ich am hellen Tage ein.

Ich träumte, unter fremden Menschen in fremder Landschaft zu sein – und dort meine Frau zu sehen. Sie tat, als würde sie mich nicht kennen. Wir waren sehr jung. Ich arbeitete mich vorsichtig zu ihr näher. Auch ihre Augen suchten meinen Blick, und schließlich küssten wir uns.

Erst als es dunkel war, erwachte ich. Ich wunderte mich, wie schnell die Zeit vergangen war – obwohl ich keinen Grog getrunken hatte. Ich dachte an den Traum zurück: an den warmen Sonnenschein, die herrliche Fremde, den Vogelgesang, meine Frau im Arm.

Wer waren all die unbekannten Menschen, die so freundlich waren, als kennten wir uns seit Ewigkeiten? Ich erinnerte mich genau an ihre Gesichter – so real, obwohl alles nur ein Traum gewesen war.

Nur ein Traum? hörte ich Angelikas geliebte Stimme in meinem Kopf.

Und ich wusste: Dieser herrlich warme Sonnentag wird noch kommen –
im nächsten Leben.

Schlussgedanke

Manche Tage tragen einen stillen Glanz in sich. Sie sind nicht laut, nicht spektakulär – und doch voller Bedeutung. Ein Sonnenstrahl auf einer leeren Schaukel. Das Rascheln von Flügeln im Garten. Eine Tasse Tee in warmem Licht.

An solchen Tagen scheint die Grenze zwischen Gegenwart und Erinnerung durchlässig zu werden. Das Vergangene ist nicht fort – es lebt in Gesten, in Gerüchen, in Gewohnheiten weiter. Wer liebt, bewahrt. Und wer bewahrt, begegnet.

Vielleicht sind es gerade diese einfachen Augenblicke, die uns lehren, dass Verlust nicht nur Leere ist, sondern auch Verdichtung: von Dankbarkeit, von Zärtlichkeit, von Bewusstsein für das, was war – und vielleicht wieder sein wird.

Der Traum bleibt ein Rätsel. Doch er schenkt Trost. Und manchmal genügt Trost, um weiterzugehen.

Eine buddhistische Deutung des Traumes

Aus buddhistischer Sicht sind Träume keine bloßen Zufallsprodukte, sondern Ausdruck tiefer geistiger Eindrücke – gespeicherter Erfahrungen, Sehnsüchte und karmischer Verbindungen.

Die Begegnung mit der verstorbenen Ehefrau kann als Spiegel des eigenen Herzens verstanden werden. Liebe, die nicht an Besitz gebunden ist, sondern an Verbundenheit, wirkt über den physischen Tod hinaus. Im Theravada-Buddhismus wird gelehrt, dass Bewusstsein ein fortlaufender Prozess ist – kein festes Selbst, sondern eine Kette von Momenten.

Im Traum erscheinen beide jung. Das könnte auf die zeitlose Natur des Geistes hinweisen: Altern gehört dem Körper, nicht der reinen Erfahrung. Dass sie zunächst so tut, als kenne sie ihn nicht, erinnert an das Gesetz der Wiedergeburt – Begegnungen geschehen neu, ohne Garantie des Wiedererkennens, und doch mit einem tiefen Gefühl von Vertrautheit.

Die fremde Landschaft und die unbekannten, freundlichen Menschen lassen sich als Symbol für neue Daseinsbereiche verstehen – Bewusstseinsebenen, die jenseits unserer gewohnten Wahrnehmung liegen.

Buddhistisch betrachtet muss der Traum nicht wörtlich als Vorschau auf ein nächstes Leben verstanden werden. Er kann auch als heilsamer Geistzustand gedeutet werden, in dem Anhaftung sich in liebevolle Erinnerung verwandelt.

Entscheidend ist nicht, ob die Begegnung „wirklich“ war, sondern welche Wirkung sie hinterlässt:
Wenn der Traum Frieden schenkt, wenn er Mitgefühl vertieft und Angst vor dem Tod mindert, dann wirkt er im Sinne des Dharma heilsam.

So könnte dieser sonnige Tag tatsächlich ein „schöner Tag für Tote“ gewesen sein – nicht weil die Toten zurückkehrten, sondern weil die Liebe sich von der Furcht gelöst hat.

Teilen:
Facebook
- Teilen
LinkedIn
Telegram
WhatsApp
Blog Archive

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

das könnte Sie auch interessieren:

Die in den Artikeln vertretenen Meinungen sind die der jeweiligen Autoren und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider. Die Autoren sind allein für den Inhalt ihrer Beiträge verantwortlich. Die Redaktion übernimmt keine Haftung für mögliche Fehler, Ungenauigkeiten oder Schäden, die aus den veröffentlichten Inhalten resultieren könnten.

Die durch die Seitenbetreiber sowie der Autoren erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Abendländische-Buddhisten-Collegium e.V. oder des jeweiligen Autors bzw. Erstellers. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet.

Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht vom Betreiber erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Inhalte umgehend entfernen.

Die Bilder in unseren Artikeln stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus folgenden Quellen: Pixaby, sowie eigene Aufnahmen. Darüber hinaus möchten wir darauf hinweisen, dass einige der nicht explizit gekennzeichneten Bilder mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurden