Das Leiter-Gleichnis und die Überwindung des Selbst
(Fortsetzung von Teil I. und Teil II.)
Wenige Tage nach diesem Ereignis sprach Citto, der Sohn des Hatthisari, den Wandermönch Potthapada auf das Treffen mit dem Erhabenen an und bat darum, den Erhabenen ebenfalls sprechen zu dürfen. So traten die beiden Edelgeborenen vor den Erhabenen, und Potthapada äußerte sich wie folgt:
„Damals, o Herr, gleich nach dem Fortgehen aus der Mallika-Halle, machten mir die Wandermönche Vorwürfe, weil sie der Ansicht waren, dass ihr Anliegen nicht zufriedenstellend erklärt worden sei – obwohl doch der Büßer Gotama den wirklichen, wahren, echten Pfad zur Erlösung des Leidens begründet hatte!“
Darauf sprach der Erhabene lobend: „Alle diese Wandermönche, Potthapada, sind geistig blind, augenlos. Du allein bist unter ihnen der einzige geistig Sehende! Es gibt, Potthapada, Pilger und Prediger, die so sagen, so glauben: ‚Einzig glücklich, heil ist das Atma (Seele) nach dem Tode!‘ Zu ihnen begab ich mich und sprach: ‚Ist es wirklich so, dass ihr, Ehrwürdigen, glaubt: Einzig glücklich ist das Atma nach dem Tode?‘ Was die Befragten mir offenherzig bejahten. Darauf sprach ich folgendermaßen: ‚Weilt ihr denn im Wissen und im Anblick einer einzig-glücklichen Welt?‘ So gefragt, verneinten sie es. Auch meine weiteren Fragen, ob sie in dieser Welt mehr glücklich als leidhaft lebten oder ob sie solch ein gutes und gerechtes Leben führten, um einer einzig-glücklichen Welt teilhaftig zu werden, verneinten sie.
Was meinst du wohl, Potthapada, stellt sich nicht, wenn das so ist, die Rede dieser Pilger und Prediger als gegenstandslos dar? Gleich als wenn ein Mensch so sprechen würde: ‚Die da, die Schönste hier im Lande begehre ich, die liebe ich!‘ Wenn man diesen Menschen dann fragt, ob er dieses Mädchen kenne oder es gesehen habe und er es verneinen müsste – stellt sich dann die Rede des Mannes nicht als gegenstandslos dar?“
Beide Wandermönche nickten zustimmend mit ihren Häuptern, und der Erhabene fuhr in seiner Rede fort:
„Auch die Frage, ob die ehrwürdigen Pilger und Prediger aus dem Munde der Himmlischen, die zu einer einzig-glücklichen Welt gelangt sind, die Kunde vernommen hätten, dass sie ohne eine völlig gerechte und gute Lebensführung dorthin gelangt wären, verneinten sie mir. Gleich als wenn ein Mensch eine Leiter besteigen wollte, ohne sie an einen festen Körper anzulehnen.
Diese drei Auffassungen vom Atma kennen wir: die formfreie Auffassung, die grobmaterielle und die geistartige. (Anmerkung: Der Buddhismus verwendet für den Seelenbegriff Atma/Atta das Nicht-Selbst = An-Atma, An-Atta, Un-Ich!)
Zum Lassen dieser drei Auffassungen zeige ich die Lehre, sodass, wenn ihr sie befolgt, die beschmutzenden Dinge schwinden werden, die reinigenden Dinge wachsen werden und dass ihr die Weisheitsfülle, die Reife schon in diesem Dasein aus euch selbst begreifen, verwirklichen und euch zu eigen machen werdet. Es könnte ja wohl so sein, dass du, Potthapada, so denkst: Die beschmutzenden Dinge werden schwinden, die reinigenden Dinge werden wachsen, die Weisheitsfülle, die Reife wird man schon in diesem Dasein aus sich selbst begreifen – aber leidvoll ist der Zustand! Indessen ist das nicht so. Es werden ja die beschmutzenden Dinge schwinden, die reinigenden Dinge wachsen, man wird ja die Weisheitsfülle, die Reife schon in diesem Dasein aus sich selbst begreifen, verwirklichen und sich zu eigen machen, und wahrlich, es wird Glück da sein, es wird Freude und Ruhe, Verinnerlichung und volle Einsicht da sein – und segenvoll wird der Zustand. Ganz gleich, welcher Auffassung die Menschen vom Atma sind!“
Daraufhin antwortete Potthapada dem Erhabenen: „Wahrlich, o Herr, wenn das so ist, so stellt sich diese Rede als wohlbegründet dar!“
Der Erhabene verglich diese Rede mit einem Leiter-Gleichnis:
„Gleich als wenn ein Mensch eine Leiter herrichtet, um ein Gebäude zu besteigen – und zwar am Gebäude selbst. Da käme ein anderer Mensch und fragte ihn, ob er wisse, in welcher Himmelsrichtung das Haus steht und aus welchem Material es errichtet wurde. Wenn dann der Befragte antwortet: ‚Es ist halt dieses Gebäude, an welches ich die Leiter eben angelegt habe!‘ – stellt sich dann die Rede des Leitermannes nicht als wohlbegründet dar?“
Daraufhin sprach Citto, der Haushabersohn: „Solange, o Herr, die eine Auffassung vom Selbst besteht, ist die andere Auffassung vom Selbst nichtig! So ergeht es mit all diesen belanglosen Fragereien.“
Dem stimmte der Erhabene zu: „Gleichwie, o Citto, von der Kuh die Milch kommt, von der Milch der Rahm, vom Rahm die Butter, von der Butter die Butterbrühe, von der Butterbrühe der Butterschaum – solange Milch da ist, kommt weder Rahm in Betracht, noch Butter, noch Butterbrühe, noch Butterschaum. Solange Butter da ist, kommt weder Milch in Betracht noch Rahm … ebenso ist es mit den drei Zuständen des Atma.“
Auf diese Worte hin nahm der ehrwürdige Potthapada Zuflucht zum Buddha, zum Dhamma und zum Sangha (Mönchsgemeinde). Auch Citto, der Sohn Hatthisaris, empfing beim Erhabenen die Weihe des Austritts aus der Welt (Pabbaja) und die Weihe des Eintritts in den Orden (Upasampada). Und alsbald, nachdem er einsam, zurückgezogen, ernsthaft, eifrig und zielbewusst lebte und jenes unvergleichliche Ziel des Reinheitslebens, um dessen Willen Edelgeborene gar willig in die Hauslosigkeit hinausziehen, schon in diesem Dasein aus sich selbst erkannt, verwirklicht und sich zu eigen gemacht hatte, ging ihm die Einsicht auf:
„Vollbracht habe ich meine Erdenaufgabe, nichts weiter mehr nach diesem Hier erdulde ich!“
Und so war nun der ehrwürdige Citto, Sohn des Hatthisari, einer der Heiligen geworden.
(Potthapada-Sutta, modifiziert)
Achtsamkeitsübung: „Loslassen der Selbst-Vorstellungen“ (10 Minuten)
Setzen Sie sich im Schneidersitz hin. Atmen Sie 5x tief ein/aus.
Visualisieren Sie drei Symbole vor sich:
Form: Ein Stein („Ich bin mein Körper“).
Materie: Eine Wasserfläche („Ich bin meine Gefühle“).
Geist: Eine Flamme („Ich bin meine Gedanken“).
Sprechen Sie innerlich: „Dies bin nicht ich, dies bin nicht mein Selbst.“
Lassen Sie jedes Symbol in Licht zerfließen. Verweilen Sie im leeren Gewahrsein.
Weiterführende Literatur
„Die Lehre vom Nicht-Selbst (Anatta)“ – Bhikkhu Bodhi (Vertiefung der buddhistischen Philosophie)
„Die großen Gleichnisse des Buddha“ – Thich Nhat Hanh (Interpretationen zentraler Metaphern)
„Vom Ich zum Nichts: Wege zur Heiligkeit im frühen Buddhismus“ – Paul Williams (historische Analyse)
„Die Potthapada-Sutta: Kommentar und Praxis“ – Ayya Khema (meditative Umsetzung)
Wichtige Hinweise zu externer Literatur
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