Vom Bante zum Arahat
Der Erhabene belehrte den Wandermönch Potthapāda in der Baumhalle Mallika vor dreihundert Zuhörern über die geistige Evolution im graduierten Mönchtum wie folgt:
„Durch das Zuruhekommen der Eindrücke und Erwägungen erlangt ein Bhikkhu (Mönch) die innere Beruhigung, die geistige Einheitlichkeit und weilt im Besitz der zweiten Gedankenstufe: der eindrucks- und erwägungsfreien, der selbstvertiefungsgeborenen, der freudvoll-beglückenden. Die frühere Art der Wahrnehmung schwindet. Gleichzeitig setzt die selbstvertiefungsgeborene, freudvoll-beglückende, geistig-wahre Art der Wahrnehmung ein, und er ist dann eben einer, der in dieser selbstvertiefungsgeborenen, freudvoll-beglückenden, geistig-wahren Art wahrnimmt.
Und so geschieht es, dass je nach der Übung einzelne Wahrnehmungen entstehen und vergehen. Das nennt der Erhabene: je nach der Übung.“
Durch das Freiwerden von der Sucht nach Freude weilt ein Bhikkhu gleichmütig, achtsam und besonnen und empfindet körperlich das Glück, welches die Edlen „gleichmütig, einsichtig, glücklich verweilend“ nennen. So weilt er im Besitz der dritten Gedankenstufe. Die frühere Art der Wahrnehmung schwindet ihm.
Durch das Fahrenlassen von Glück, durch das Fahrenlassen von Leid, durch das Hinschwinden der früheren Befriedigungen und Bekümmernisse (Anmerkung: alles ist ja endlich, vergänglich) weilt er im Besitz der vierten Gedankenstufe: der leidfreien, der glückfreien, der in Gleichmut und Verinnerlichung geklärten. Die frühere Art der Wahrnehmung ist ihm abhandengekommen.
(Anmerkung: An diesem Punkt verlässt der Erhabene die Geisthöhen der Ajahn, der Lehrer, und beschreibt die geistige Verwandlung vom Bhante, dem Abt eines Vihāras = Klosters, zum Arahat, dem Heiligen.)
Durch Überwindung der Formwahrnehmung, durch Vernichtung der Widerstandswahrnehmung, durch Nichteingehen auf die Vielheitswahrnehmungen hat ein Bhikkhu im „Unendlich ist der Raum“ das Gebiet der Raumunendlichkeit erreicht, und die frühere Wahrnehmung löst sich ihm auf. Gleichzeitig setzt die raumunendliche, geistig-wahre Art der Wahrnehmung ein, und er ist dann eben einer, der in dieser raumunendlichen, geistig-wahren Art wahrnimmt. Das nennt der Erhabene: je nach Übung.
Hat sodann ein Bhikkhu das Gebiet der Raumunendlichkeit überwunden und das Gebiet der Bewusstseinsunendlichkeit erreicht, so schwinden ihm die früheren Wahrnehmungen, und er ist dann eben einer, der in dieser bewusstseinsunendlichen, geistig-wahren Art wahrnimmt. Hat er dann je nach Art der Übung auch dieses Gebiet überwunden und das Gebiet der Nichtetwasheit erreicht, ist er stufenweise einer, der die Wahrnehmungshöhe erreicht hat und denkt:
„Solange ich Gedanken erleide, ist es für mich das Schlechtere; solange ich nicht Gedanken erleide, ist es für mich das Bessere. Denn wenn ich nun denken und in Gedanken bilden würde, so würden diese Wahrnehmungen mir schwinden, und andere, grobe Wahrnehmungsformen entstehen. Es wäre für mich besser, wenn ich nicht denken, nicht in Gedanken bilden würde.“
Wenn er sich dieses befleißigt, schwinden ihm eben diese Wahrnehmungsformen, und er erlebt das Aufhören des Wahrnehmungsvermögens. (Anmerkung: An diesem Punkt war der Buddha ins todlose Nirvāna 543 Jahre vor Christus eingegangen.)
Der Erhabene fragte nun den schweigenden, in sich gegangenen Wandermönch Potthapāda:
„Hast du wohl vorher schon von einem derartigen stufenweisen, vollbewusst erreichten Zustand des höchsten Aufhörens der Wahrnehmungsfähigkeit gehört?“
„Nein, o Herr!“ sprach der edle Potthapāda.
Der Erhabene erklärte weiter, dass sobald ein Bhikkhu eigenwahrnehmig geworden ist, er von da an stufenweise immer weiter steigt und schließlich die Wahrnehmungshöhe erreicht. Wer dort angekommen ist, erreicht vollbewusst den Zustand des höchsten Aufhörens der Wahrnehmungsfähigkeit zum Eintritt ins todlose Nirvāna (Verwehen), woraus nie erneut geboren und gelitten wird.
Potthapāda wollte weiteres vom Erhabenen erfragen:
„Lehrt, o Herr, der Erhabene eben nur eine einzige Wahrnehmungshöhe oder lehrt er mehrfache Wahrnehmungshöhen?“
Der Erhabene antwortete:
„Sowohl eine einzige Wahrnehmungshöhe lehre ich, als auch mehrfache Wahrnehmungshöhen! Immer wieder lehre ich diese so, dass der Schüler das Aufhören erlebt, und so lehre ich eine einzige Wahrnehmungshöhe wie auch mehrere, je nach Aufnahmefähigkeit des jeweiligen Hörers! Zuerst entsteht Wahrnehmung durch Erkennen, und durch die Entstehung der Wahrnehmung kommt es zur Entstehung von Erkennen.“
Der kluge Potthapāda fragte weiter:
„Ist nun die Wahrnehmung, o Herr, des Menschen Selbst, oder ist ein anderes die Wahrnehmung und ein anderes das Selbst?“
Der Erhabene entgegnete mit einer Gegenfrage:
„Wie definierst du denn das Selbst, Potthapāda?“
Potthapāda antwortete: „Als materiell, o Herr, definiere ich das Selbst, als formhaft, aus den vier Elementen (Erde, Wasser, Feuer, Luft) bestehend, substanzielle Nahrung genießend.“
Der Erhabene erklärte geduldig, dass dem Menschen immer neue Wahrnehmungen entstehen und vergehen, und dass es deshalb nicht zutreffend sei, Wahrnehmung und Selbst als identisch anzusehen.
(Ende von Teil II der Potthapāda-Sutta.)
Achtsamkeitsübung: „Stufen der Wahrnehmung“ (10 Minuten)
Sitzen Sie im Lotussitz oder aufrecht. Schließen Sie die Augen.
Atmen Sie tief ein (4 Sek.) und aus (6 Sek.), bis der Geist ruhig wird (erste Stufe).
Lösen Sie sich von Gedanken. Spüren Sie Freude im Stillsein (zweite/dritte Stufe).
Visualisieren Sie einen leeren Raum. Verweilen Sie im Gleichmut (vierte Stufe).
Fragen Sie: „Was bleibt, wenn Wahrnehmung schwindet?“ – Lassen Sie die Antwort intuitiv kommen.
Weiterführende Literatur
„Die Lehrreden des Buddha: Mittlere Sammlung“ – Übers. Karl Eugen Neumann (zu den Suttas)
„Das Herz buddhistischer Meditation“ – Bhikkhu Analayo (Vertiefung der Jhanas)
„Was der Buddha lehrt“ – Walpola Rahula (Grundlagen des Achtgliedrigen Pfads)
„Nirvana: Begriff und Praxis“ – Ajahn Brahm (Moderne Deutung der Verlöschung)
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