Herkunft eines vergessenen Weltvolkes
Religionswissenschaftlicher Essay von Potthapada
Einleitung
Kaum ein Begriff ist so missverstanden, politisiert und belastet wie das Wort „Arier“.
Was heute reflexartig mit Ideologie, Rassismus oder Machtfantasien verbunden wird, hatte ursprünglich eine völlig andere Bedeutung.
In den ältesten indischen und europäischen Quellen bezeichnete „Arier“ keine Rasse, sondern eine kulturelle und spirituelle Gemeinschaft – verbunden durch Sprache, Weltbild und kosmische Ordnung.
Um dies zu verstehen, muss man den Begriff aus der Moderne herauslösen und in seinen ursprünglichen Kontext zurückführen.
Bedeutung des Wortes „Arier“
Das altindische Wort Ārya bedeutet:
edel
aufrecht
geordnet
dem kosmischen Gesetz folgend
Es beschreibt eine Haltung, keinen Körperbau.
In den Veden bezeichnete Ārya Menschen, die nach Rta, der kosmischen Ordnung, lebten – im Gegensatz zu Chaos, Maßlosigkeit und Willkür.
Auch im Althochdeutschen finden sich Parallelen:
êr (Ehre)
ari (edel, wertvoll)
Der Begriff war ethisch, nicht biologisch.
Sprachverwandtschaft als Schlüssel
Die stärksten Hinweise auf eine gemeinsame Herkunft finden sich in der Sprache.
Sanskrit, Latein, Griechisch, Germanisch und Slawisch gehören zur indoeuropäischen Sprachfamilie.
Beispiele:
Vater – pitar
Mutter – matar
Name – nāman
Rad – ratha
tragen – bhar
Sprache ist kein Zufall.
Sie entsteht durch lange Nähe, Austausch und gemeinsame Lebensräume.
Wanderungen statt Eroberungen
Die heute gängige Vorstellung von gewaltsamen „arischen Eroberungen“ gilt in der Forschung als überholt.
Wahrscheinlicher sind:
langsame Wanderbewegungen
Klimaveränderungen
Anpassung an neue Lebensräume
Menschen zogen mit:
Vieh
Mythen
Liedern
Sternwissen
Kulturen überlagerten sich, sie ersetzten einander nicht abrupt.
Astralreligion – der Himmel als Lehrer
Gemeinsam ist den frühen indischen und germanischen Traditionen eine astrale Weltsicht.
Götter waren:
Sonne
Mond
Planeten
Sternbilder
Nicht als Objekte, sondern als wirkende Prinzipien.
Surya / Sol – Sonne
Varuna – kosmisches Gesetz
Indra – Ordnung und Macht
Tyr – Recht und Eid
Odin – Geist und Inspiration
Religion war ursprünglich Himmelskunde.
Gesellschaftliche Ordnung und Verantwortung
Die vedischen Texte beschreiben Varna, keine Kasten im heutigen Sinn, sondern Funktionen:
Lehrer
Krieger
Versorger
Dienende Tätigkeiten
Auch germanische Gesellschaften kannten:
Priester
Krieger
Bauern
Diese Ordnung war durchlässig und an Verantwortung gebunden, nicht an Geburt.
Erst spätere Jahrhunderte machten daraus starre Systeme.
Der Missbrauch des Begriffs
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Begriff „Arier“ aus seinem geistigen Zusammenhang gerissen und biologisch umgedeutet.
Das war:
wissenschaftlich falsch
historisch unhaltbar
spirituell entleert
Eine ethische Selbstbezeichnung wurde zur ideologischen Waffe.
Dieser Missbrauch sagt nichts über die ursprüngliche Bedeutung aus –
so wie der Missbrauch religiöser Symbole nichts über deren Ursprung aussagt.
Arier als Träger von Wissen
Betrachtet man die Mythen nüchtern, erscheint eine andere Rolle:
Die frühen indoeuropäischen Kulturen waren Bewahrer von Wissen:
Zyklen der Zeit
Sternbewegungen
moralische Ordnung
Wiederkehr und Vergänglichkeit
Sie verstanden sich nicht als Herren der Welt, sondern als Teil eines größeren Ganzen.
Einheit in Vielfalt
Was sich von Indien bis Skandinavien zieht, ist kein Einheitsglaube, sondern ein gemeinsames Weltverständnis:
Der Kosmos ist geordnet
Der Mensch trägt Verantwortung
Zeit ist zyklisch
Erkenntnis führt zur Freiheit
Unterschiedliche Götternamen – gleiche Prinzipien.
Ausblick auf Teil 4
Wenn Sprache, Mythen und Kosmologie verbunden sind, stellt sich die nächste Frage:
Sind auch die Götter selbst vergleichbar?
Im nächsten Teil widmen wir uns daher den großen Gottheiten:
👉 Teil 4:
„Die drei Gesichter Gottes – Trimurti und nordische Dreieinigkeit“
Anmerkung
Dieser Beitrag dient der historischen und religionswissenschaftlichen Einordnung des Begriffs „Arier“ und grenzt sich ausdrücklich von modernen ideologischen Fehlinterpretationen ab.




