Trimurti und nordische Dreieinigkeit
Religionswissenschaftlicher Essay von Potthapada
Wo Religionen oberflächlich betrachtet werden, scheint die Welt zersplittert:
viele Götter, viele Namen, viele Mythen.
Doch betrachtet man die großen Traditionen vergleichend, zeigt sich ein überraschendes Muster:
Das Göttliche erscheint fast überall dreigestaltig.
Nicht als drei Götter –
sondern als drei Aspekte eines einzigen Prinzips.
Im indischen Denken heißt diese Struktur Trimurti.
In der nordischen Überlieferung tritt sie verschlüsselt, aber eindeutig hervor.
Die Trimurti im indischen Denken
Die Trimurti besteht aus drei untrennbaren Funktionen:
Brahma – der Schöpfer
Vishnu – der Erhalter
Shiva – der Verwandler / Zerstörer
Diese drei sind keine Konkurrenz, sondern kosmische Notwendigkeiten.
Ohne Schöpfung kein Sein.
Ohne Erhaltung kein Bestand.
Ohne Auflösung keine Erneuerung.
Die Trimurti beschreibt den Kreislauf allen Werdens.
Brahma – das Absolute hinter der Person
Brahma ist in seiner höchsten Form nirgends darstellbar.
Er ist kein Gott im menschlichen Sinne, sondern reines Sein.
In den Upanishaden heißt es:
„Brahman ist das, woraus alles hervorgeht, worin alles ruht und wohin alles zurückkehrt.“
Er ist:
zeitlos
formfrei
jenseits von Gut und Böse
Alles Personhafte ist bereits Abstieg.
Vishnu – die Ordnung im Wandel
Vishnu ist das Prinzip der Erhaltung.
Er steigt als Avatar in die Welt herab, wenn:
Maß verloren geht
Ordnung zerfällt
das Gleichgewicht kippt
Rama, Krishna, Buddha –
sie sind Manifestationen desselben Prinzips.
Vishnu ist Nähe, Mitgefühl, Gleichmaß.
Shiva – Zerstörung als Gnade
Shiva wird missverstanden.
Er zerstört nicht aus Hass, sondern aus Notwendigkeit.
Er beendet, was erstarrt ist.
Ohne Shiva:
kein Frühling
keine Geburt
kein Neubeginn
Sein Tanz (Tandava) hält die Atome in Bewegung.
Stillstand bedeutet Tod.
Die nordische Dreieinigkeit
Auch die Edda kennt drei höchste Aspekte, die gemeinsam auftreten:
Har – der Hohe, der Erhabene
Jafnhar – der Gleichhohe
Thridi – der Dritte
Sie erscheinen gemeinsam in der Gylfaginning und erklären die Weltordnung.
Diese Drei sind:
nicht getrennt
nicht konkurrierend
nicht unabhängig
Sie sind drei Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit.
Entsprechungen zwischen Trimurti und Edda
| Indien | Norden | Funktion |
|---|---|---|
| Brahma | Har / Odin | Geist, Ursprung |
| Vishnu | Wotan / Thor | Ordnung, Schutz |
| Shiva | Tyr | Opfer, Gesetz, Ende |
Odin hängt am Weltenbaum –
wie ein Avatar, der sich opfert, um Erkenntnis zu gewinnen.
Tyr opfert seine Hand –
wie Shiva Opfer bringt, um Ordnung zu sichern.
Der Weltenbaum und der kosmische Leib
Yggdrasil ist kein Baum im botanischen Sinn.
Er ist Achse des Universums.
Wurzeln: Unterwelt
Stamm: Welt der Menschen
Krone: Götterhimmel
Genauso beschreibt der indische Ashvattha-Baum die Wirklichkeit:
„Mit den Wurzeln im Himmel und den Zweigen auf Erden.“
Beide Traditionen sehen die Welt auf dem Kopf stehend –
das Geistige ist Ursprung, das Materielle Spiegel.
Das Opfer als Schöpfungsprinzip
In beiden Religionen entsteht die Welt durch Opfer:
Purusha wird geopfert → Kosmos entsteht
Ymir wird getötet → Welt geformt
Schöpfung ist kein Akt aus dem Nichts,
sondern Selbsthingabe des Ganzen.
Christliche Überformung
Die christliche Dreifaltigkeit übernimmt dieses Muster:
Vater
Sohn
Heiliger Geist
Doch sie wird dogmatisiert und entmythologisiert.
Der kosmische Zyklus wird zur einmaligen Geschichte.
Wiederkehr wird durch Endgericht ersetzt.
Das ist kein Fortschritt, sondern Verengung.
Einheit jenseits der Namen
Ob Brahma, Odin oder Gottvater –
es geht nicht um Namen.
Es geht um:
Ursprung
Ordnung
Auflösung
Drei Kräfte – ein Sein.
Wer nur eine davon anerkennt, versteht das Ganze nicht.
Ausblick auf Teil 5
Wenn das Göttliche zyklisch ist, stellt sich die nächste Frage:
Wie erlebt der Mensch diese Zyklen – im Leben, im Tod und darüber hinaus?
👉 Teil 5:
„Wiedergeburt, Ragnarök und Erlösung – Zeit als Kreis, nicht als Linie“
Anmerkung
Dieser Beitrag versteht Götter als symbolische Ausdrucksformen kosmischer Prinzipien – nicht als historische Personen oder dogmatische Wahrheiten.
