Die drei Gesichter des Göttlichen -Teil 4 der Blogserie

Trimurti und nordische Dreieinigkeit

Religionswissenschaftlicher Essay von Potthapada

Wo Religionen oberflächlich betrachtet werden, scheint die Welt zersplittert:
viele Götter, viele Namen, viele Mythen.

Doch betrachtet man die großen Traditionen vergleichend, zeigt sich ein überraschendes Muster:
Das Göttliche erscheint fast überall dreigestaltig.

Nicht als drei Götter –
sondern als drei Aspekte eines einzigen Prinzips.

Im indischen Denken heißt diese Struktur Trimurti.
In der nordischen Überlieferung tritt sie verschlüsselt, aber eindeutig hervor.

Die Trimurti im indischen Denken

Die Trimurti besteht aus drei untrennbaren Funktionen:

  1. Brahma – der Schöpfer

  2. Vishnu – der Erhalter

  3. Shiva – der Verwandler / Zerstörer

Diese drei sind keine Konkurrenz, sondern kosmische Notwendigkeiten.

Ohne Schöpfung kein Sein.
Ohne Erhaltung kein Bestand.
Ohne Auflösung keine Erneuerung.

Die Trimurti beschreibt den Kreislauf allen Werdens.

Brahma – das Absolute hinter der Person

Brahma ist in seiner höchsten Form nirgends darstellbar.
Er ist kein Gott im menschlichen Sinne, sondern reines Sein.

In den Upanishaden heißt es:

„Brahman ist das, woraus alles hervorgeht, worin alles ruht und wohin alles zurückkehrt.“

Er ist:

  • zeitlos

  • formfrei

  • jenseits von Gut und Böse

Alles Personhafte ist bereits Abstieg.

Vishnu – die Ordnung im Wandel

Vishnu ist das Prinzip der Erhaltung.

Er steigt als Avatar in die Welt herab, wenn:

  • Maß verloren geht

  • Ordnung zerfällt

  • das Gleichgewicht kippt

Rama, Krishna, Buddha –
sie sind Manifestationen desselben Prinzips.

Vishnu ist Nähe, Mitgefühl, Gleichmaß.

Shiva – Zerstörung als Gnade

Shiva wird missverstanden.

Er zerstört nicht aus Hass, sondern aus Notwendigkeit.
Er beendet, was erstarrt ist.

Ohne Shiva:

  • kein Frühling

  • keine Geburt

  • kein Neubeginn

Sein Tanz (Tandava) hält die Atome in Bewegung.
Stillstand bedeutet Tod.

Die nordische Dreieinigkeit

Auch die Edda kennt drei höchste Aspekte, die gemeinsam auftreten:

  • Har – der Hohe, der Erhabene

  • Jafnhar – der Gleichhohe

  • Thridi – der Dritte

Sie erscheinen gemeinsam in der Gylfaginning und erklären die Weltordnung.

Diese Drei sind:

  • nicht getrennt

  • nicht konkurrierend

  • nicht unabhängig

Sie sind drei Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit.

Entsprechungen zwischen Trimurti und Edda
IndienNordenFunktion
BrahmaHar / OdinGeist, Ursprung
VishnuWotan / ThorOrdnung, Schutz
ShivaTyrOpfer, Gesetz, Ende

Odin hängt am Weltenbaum –
wie ein Avatar, der sich opfert, um Erkenntnis zu gewinnen.

Tyr opfert seine Hand –
wie Shiva Opfer bringt, um Ordnung zu sichern.

Der Weltenbaum und der kosmische Leib

Yggdrasil ist kein Baum im botanischen Sinn.
Er ist Achse des Universums.

  • Wurzeln: Unterwelt

  • Stamm: Welt der Menschen

  • Krone: Götterhimmel

Genauso beschreibt der indische Ashvattha-Baum die Wirklichkeit:

„Mit den Wurzeln im Himmel und den Zweigen auf Erden.“

Beide Traditionen sehen die Welt auf dem Kopf stehend
das Geistige ist Ursprung, das Materielle Spiegel.

Das Opfer als Schöpfungsprinzip

In beiden Religionen entsteht die Welt durch Opfer:

  • Purusha wird geopfert → Kosmos entsteht

  • Ymir wird getötet → Welt geformt

Schöpfung ist kein Akt aus dem Nichts,
sondern Selbsthingabe des Ganzen.

Christliche Überformung

Die christliche Dreifaltigkeit übernimmt dieses Muster:

  • Vater

  • Sohn

  • Heiliger Geist

Doch sie wird dogmatisiert und entmythologisiert.

Der kosmische Zyklus wird zur einmaligen Geschichte.
Wiederkehr wird durch Endgericht ersetzt.

Das ist kein Fortschritt, sondern Verengung.

Einheit jenseits der Namen

Ob Brahma, Odin oder Gottvater –
es geht nicht um Namen.

Es geht um:

  • Ursprung

  • Ordnung

  • Auflösung

Drei Kräfte – ein Sein.

Wer nur eine davon anerkennt, versteht das Ganze nicht.


Ausblick auf Teil 5

Wenn das Göttliche zyklisch ist, stellt sich die nächste Frage:

Wie erlebt der Mensch diese Zyklen – im Leben, im Tod und darüber hinaus?

👉 Teil 5:
„Wiedergeburt, Ragnarök und Erlösung – Zeit als Kreis, nicht als Linie“

Anmerkung

Dieser Beitrag versteht Götter als symbolische Ausdrucksformen kosmischer Prinzipien – nicht als historische Personen oder dogmatische Wahrheiten.

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