Genie, Selbstzerstörung und die verhängnisvolle Nähe zur Macht
Am 22.5.1813 wurde Richard als 9. Kind der Familie des Polizeibeamten Karl Friedrich Wagner und dessen Ehefrau Johanna Russina geborene Petz, mit einen auffällig großen Kopf im Leipziger Judenviertel Brühl geboren. Sein Vater starb wenige Monate später an Typhus und seine Mutter heiratete daraufhin den wohlhabenden Juden Ludwig Geier, dessen Nachname Klein Richard dann mit übernahm. 1821 starb auch der Stiefvater des 8-jährigen Richard, welcher nun aus finanziellen Gründen bei verschiedenen Bekannten leben musste.
Freunde vom Stiefvater brachten Richards hübsche, ältere und musikbegabte Schwester Rosalie am Theater unter. Sie unterstützte ihre Familie mit ihrer geringen Gage. 1825 las Richard Shakespeares Hamlet, Macbeth, König Lear und verliebte sich ein Jahr später in die Tochter des Prager musikbegeisterten adligen Pächters. Der Jüngling besuchte seinen Schwarm dreimal, zuletzt wegen Geldmangels sogar zu Fuß von Sachsen nach Böhmen.
1827 schrieb Richard im Alter von 14 Jahren sein erstes Drama „Leubald und Eddeleide“. Er hörte Beethovens 9. Symphonie und beschloss Musiker zu werden. 1830 nahm er seinen ersten Familiennamen wieder an und schrieb sich in Leipzig als Musikstudent unter Richard Wagner ein.
1833 zog der 20-jährige Richard nach Würzburg, wo ihm sein Bruder eine Stelle als Chorleiter beschaffte. Ein Jahr später arbeitete er als Musikdirektor in Magdeburg, wo er die 25-jährige Theaterschauspielerin Christine Wilhelmine (Minna) Planer kennenlernte. Sie gab ihre kleine Tochter Natalie als eigene Schwester aus, weil Unverheiratete mit unehelichem Kind in der damaligen Gesellschaft ausgespuckt wurden. Richard sang unter ihrem Fenster Serenaden bis zum Abwinken. Er flehte um ihre Hand und drohte dramatisch mit Freitod, wenn sie sein Herz zerreißt.
Sie heirateten am 24.11.1836 in Königsberg, der Hauptstadt des deutschen Ostpreußens. Von dort zog er nach Riga als Dirigent. Minna vertraute auf Richards Fähigkeiten und heiratete seine Schulden mit. Während sie sparte, kaufte er Luxusdinge. 1837 brannte Minna mit einem Reisehändler durch, kam aber unglücklicherweise im Sommer 1839 wieder zurück. Richard versprach Besserung, woran er selber nicht glaubte.
Gemeinsam reisten sie nach Paris zum erfolgreichen jüdischen Mäzen Meyerbeer. Er gab ihnen Geld und Kontakte, aber die Pariser mochten keine Ausländer mehr. Im Winter gefror den Wagners das Wasser in der Waschschüssel. Minna verkaufte ihren gesamten Schmuck samt Ehering – es half alles nichts. Ihr Richard kam im Oktober 1840 für drei Wochen in den Schuldenturm. Minna verkaufte ihr letztes Möbelstück und brachte ihm Bücher und Essen ins Pariser Gefängnis. Zum Dank bezichtigte Richard sie später mutmaßlicher „Pariser Sünden“.
Richard Wagner entwickelte einen Hass auf die jüdischen Geldverleiher, die ihn hinter Gitter gebracht hatten, mit einem Pamphlet, in welchem er über die Juden verallgemeinernd schrieb:
„In der Natur ist er so beschaffen, dass überall, wo es etwas zu schmarotzern gibt, der Parasit sich einstellt!“
Psychologisch erklärbar zeigt dieses Verhalten einen Menschen voller Selbstverachtung, der dann seine inneren Zerwürfnisse, Abneigungen und Ekel nach außen projiziert, von sich auf den Anderen. Gleiches geschieht, wenn ein Staat sein Volk mit unerträglicher Kollektivschuld belastet, bis dessen Bürger sich in zwei Richtungen spalten: Nationalisten gegen Hasser ihres eigenen Volkes.
1842 bekam Richard Wagner einen Posten als königlicher Kapellmeister in Dresden. Sein Geld wurde in Wein, Seide, teure Gewänder eingetauscht. 1848 kam es zur Mai-Revolution. Richard Wagner kämpfte auf Seiten der Republikaner gegen die Königstreuen. In den brennenden Häusern sah er die „Götterdämmerung“. In diesem viertägigen Aufstand besorgte Wagner Handgranaten für die Rebellen und gab ihnen Signale vom Kirchturm der Kreuzkirche. In den Straßen verteilte er Flugblätter gegen die Obrigkeit.
10.000 preußische Soldaten kamen dem sächsischen Heer mit Artillerie zur Unterstützung. Richard Wagner floh von den Barrikaden in letzter Minute mit gefälschten Papieren und geliehener bürgerlicher Kleidung ins Schweizer Exil nach Zürich. Minna musste sich polizeilichen Verhören und Gläubigerforderungen aussetzen.
1850 sandte Franz Liszt seinem Freund Richard Geld und geringe Tantiemen aus Wagners Stücken. Der deutsche Seidenkaufmann Otto Wesendonk förderte Richards Musik in der Schweiz und baute ihm ein Haus (Asyl genannt) neben seiner eigenen Villa. Dessen 24-jährige Gattin Mathilde schrieb Gedichte und las über Philosophie. Über die Kunst kamen die Sehnsüchte der Annäherung. Richard vertonte fünf Lieder von ihr. Dann schrieb er die Oper „Tristan und Isolde“ und verriet ihr:
„Sie sind meine Isolde.“
Sie antwortete zögernd: „Und Sie sind dann Tristan?“
April 1858 fand Minna einen seiner Liebesbriefe und stürmte eifersüchtig in den Salon der Villa und zeigte ihn dem Hausherrn. Richard musste sein Asyl verlassen, und die weinende Mathilde erreichte, dass ihr gehörnte Mann weiterhin Geld an Richard zahlte. Während Minna seiner in Dresden harrte, versteckte sich Richard in einem Hotelzimmer in Stuttgart.
Am 5.4.1864 stöberte ihn ein Königsbote aus Bayern dort auf und überreichte ihm eine Einladung von dem 18-jährigen Märchenkönig Ludwig II. Tränenüberströmt hatte der verträumte König Wagners Tannhäuser gelauscht und sich in den Komponisten wie in dessen Werke verliebt. Der junge König schaute lieber auf Wagners Lohengrin als auf Bismarcks Säbelrasseln.
Der Republikaner Richard erhielt vom Monarchen Ludwig alle Wünsche erfüllt und 4.000 Gulden jährlich. Richard bezahlte zwar seine alten Schulden, was ihn aber nicht daran hinderte, neue Schulden zu machen. Im Theater verbeugte sich der Künstler aus der Königsloge dem Publikum und verbarg etikettewidrig den König hinter seinem Rücken. Der Hofstaat war entsetzt. Als sich der große Maestro dann noch in die Politik des Königs einmischte, drohten die Regierungsbeamten mit Rücktritt:
„Der Hofkomponist ruiniert unsere Staatskasse!“
Dezember 1865 verließ Wagner erhobenen Hauptes die königliche Residenz in München und suchte sein Glück in Tribschen bei Luzern. König Ludwig durfte sein Märchenschloss Neuschwanstein bauen und sandte dem lieben Richard weiterhin Alimente.
Anmerkung: Im Zeitraum von 19 Jahren erhielt Wagner über 500.000 Gulden – heutiger Wert mehrere Millionen Euro. Auch das ist eine geniale Leistung.
- Währungswert: Ein bayerischer Gulden zur Zeit Wagners entsprach etwa 1,71 Goldmark (nach der Reichswährungsreform 1871). 500.000 Gulden waren demnach rund 855.000 Goldmark.
- Kaufkraftvergleich: Laut historischen Äquivalenztabellen der Deutschen Bundesbank entspricht eine Mark aus der Zeit um 1870 heute einer Kaufkraft von etwa 12 bis 15 Euro.
- Relationen: Um die Dimension zu verdeutlichen: Ein bayerischer Staatsminister verdiente damals etwa 10.000 bis 12.000 Gulden pro Jahr. Wagners Zuwendungen entsprachen somit fast dem Fünfzigfachen eines ministeriellen Jahresgehalts.
Kosima, Bayreuth und das Ende
Der 27-jährige Pianist und Dirigent Hans von Bülow und dessen 19-jährige Ehefrau Kosima, Tochter des Komponisten Franz Liszt und dessen Weib Gräfin Marie d’Agoult (Halbjüdin), waren große Wagner-Verehrer und luden den Meister 1863 zu sich ein. Wagner konnte jedoch nicht seine Finger von Kosima lassen. Sie sah in ihm den Vater, der ihr nie Zeit geschenkt hatte.
1865 schenkte Kosima ihre Tochter Isolde das Leben, 1866 Eva und 1869 Siegfried. 1870 reichte Bülow die Scheidung ein. Kosima zog zu Wagner nach Tribschen. Dreizehn Jahre ertrug sie seinen Richard, dessen Selbsthass sich nach außen wandte und dessen Opern seine eigene Biographie verklären.
1872 sammelte eine Verehrergemeinschaft Gelder für eine Richard-Wagner-Festhalle. August 1876 wurden die Bayreuther Festspiele mit dem „Ring des Nibelungen“ eröffnet. Keine Logen für Reiche – alle Zuschauer sollten gleich sein. Kaiser, Könige, Liszt, Tschaikowski, Nietzsche waren anwesend. Nietzsche jedoch enttäuscht:
„Ein Geier ist fast schon ein Adler geworden!“
Nach Monarchisten kamen NS-Größen, danach demokratische Volksvertreter. Eine Million heutiger Wagnerianer können sich dieses Erlebnis nie leisten.
Wagners Gefühlschaos war seine Quelle. Frauen und Macht wurden ihm zum Verhängnis. Auch das Schicksal König Ludwigs ließ ihn kalt. 1883 starb Wagner nach einem Streit mit Cosima an einem Herzinfarkt. Drei Jahre später ertränkte König Ludwig seinen Trennungsschmerz im Starnberger See.
Leserfrage
Wo endet künstlerisches Genie – und wo beginnt moralische Verantwortung gegenüber Menschen und Macht?
Literaturtipps
Richard Wagner – Mein Leben
Joachim Köhler – Wagner – Letzte der Titanen
Thomas Mann – Leiden und Größe Richard Wagners
Friedrich Nietzsche – Der Fall Wagner
Martin Gregor-Dellin – Richard Wagner. Sein Leben, sein Werk
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