Totenwelt in der Antike

Jenseitsreisen von Orpheus bis zur Edda – Erinnerung, Buße und Seelenwanderung

Abgesehen von dem modern-christlichen Totenweltbildnis eines Inferno von Dante, findet man im Christentum keine genaue Jenseitsbeschreibung. Anders schon bei den heidnischen Religionen die ganz exakte Reiseberichte von „Jenseitswanderer“ verkünden. Von sumerische Tontafeln ( Gilgamesch-Epos ) bis isländische Wikinger-Pergamente ( Edden ) wird ein gleiches Bild des Jenseits erzählt, wo sich unsere Lichtwelt in eine Schattenwelt widerspiegelt, gleich wie das Bild eines Baumes in einen stillen See kopfstehend reflektiert.

Die heidnischen Griechen erzählten die rührende Liebesgeschichte vom göttlichen Sänger Orpheus der seine verstorbene Geliebte Eurydike in die Unterwelt folgte.

Zum Anfang der Menschheit lebten Götter und Naturgeister noch gemeinsam auf der jungen Erde. Da fragte Zeus ( Deus=Gott ) die Götter des Olympos, was ihnen noch fehlen würde. Und die Himmelsgemeinschaft antwortete einstimmig: „Die uns Rühmende!“ Jeder Gott wollte gerühmt werden durch sein Wirken.

Der Meeresgott Okeanos und die Erdgöttin Gaia hatten eine gemeinsame Tochter, die schöne Nymphe Mnemosyne, das heißt „Gedächtnis“ und mit ihr zeugte der Göttervater die neun Musen, welche den Göttern angenehmen Zweitvertreib verschafften: Melpomene ( Trauerspiel ), Talia ( Lustspiel ), Euperte ( Lyrik ), Erato ( Poesie ), Polihymnia ( Musik ), Terpsichare ( Tanz ) und Kalliope ( Prosa ).

Mit der Riesentochter Leto hatte Zeus den Licht- und Klarheitsgott Apoll ( Apollo/Apollon ) gezeugt, der mit der Muse Kalliope, den begabten Sänger Orpheus mit der goldenen Leier zeugte.

Orpheus liebte das Meer und lies sich in einem Boot durch die Wellen treiben und sang zu seiner Leier die schönsten Lieder der Schöpfung. Dann umkreisten Schwärme von Möwen sein Efeu bekränztes Haupt und die Fische sprangen vor Freude aus dem Wasser. Auf seinen Landwegen brachten die Menschen ihm Götterspeisen und in der Wildnis schob sein Gesang Steine zur Seite und Bäume schütteten ihre Früchte über den Sänger aus.

Im fernen Thrakien bewegte seine Gesang auch das Herz der schönen Eurydike. Sie weinte Tränen, als er seine Stimme erhob und sie in den Tempel Apollos zu seiner Frau erwählte.

Nun hallte seine Leier in ganz Thrakien und während seiner Abwesenheit wurde Eurydike von einem verliebten Imker bedrängt. Sie floh vor seinem Bienenschwarm und suchte Orpheus Schutz. Da biss ihr eine giftige Schlange in ihre schlanken Ferse und sie brach sterbend zu Boden.

Die Nymphen des nahen Flusses Meles stimmten ein lautes Wehklagen an, welches Orpheus zwar hörte aber zu spät am Unfallsort eintraf.

Orpheus stimmte eine Trauerhymne an und folgte den Fluss durch ganz Hellada ( Hellas=Griechenland ) bis zur Spitze des Peloponnes. Dort stieg er in den Unterweltsfluss Styx hinunter und betörte den Unterwelt-Fährmann Cheron mit seiner Leier, so dass er dem Sänger übersetzte und durch die ganze Schattenwelt folgte.

Die Höllenhunde verstummten unter den süßen Klängen der Leier und die Sünder unterbrachen ihre Bußen. Der Totengott Hades trat herbei und die Schatten aller Verstorbenen versammelten sich um den göttlichen Sänger.

Am Schluss trat die Geliebte Eurydike mit lahmen, angeschwollenen Fuss und gesenktem Kopf heran. Hermes sprach: „ Du hast mit deinem Gesang auch mein Herz erweicht. Du darfst dein geliebtes Weib wieder an die Oberwelt führen, wenn du sie in meinem Reich ( der Verwandlung ) dabei nicht anschaust!“

Mit abgewandten Blick legte Eurydike ihre Hand auf des Sängers Schulter und folgte ihm durch die dunklen, stillen Grotten die nur erfüllt waren von Glanz und Klang der göttlichen Leier.

Am Tor zur Oberwelt fühlte Orpheus nicht mehr die Hand der geliebten auf seiner Schulter und er wandte seinen suchenden Blickes ihr zu. Sofort ergriff der Seelenbegleiter Hermes die erstarrte Eurydike und riss sie mit in den gähnenden Abgrund des Styx.

Charon, der Fährmann verwehrte dem Orpheus die erneute Überfahrt und die Höllenhunde begangen wieder drohend zu brüllen.

Sieben Monate verbrachte der trauernde Orpheus unter einen mächtigen Felsvorsprung an der Mündung eines Flusses mit fasten und büßen. Er schwor allen fremden Frauen ab, bis zu seiner Wiedervereinigung mit Eurydike.

Da kamen die Jünglinge aus Thrakien zum göttlichen Einsiedler, der sie in die Mysterien des Hermes einweihte mit körperlicher Enthaltsamkeit. 600 Jahre v. Chr. verbreitete er dort den Orphismus ( Orphik ), eine Lehre die sich mit Seelenwanderung befasst und Erfüllung ethischer Forderungen zwecks Wiedervereinigung durch Tode getrennter Liebende. Seine Schüler durchwanderten symbolische Stadien seelischer Reinigung.

Die Frauen lehnten sich wegen ihrer Ausgrenzung gegen die Mysterienspiele des Orpheus auf, ergriffen ihn im Rausche des Weines, töteten den Sänger und banden sein abgetrennte Haupt an seiner Leier, die sie in den Fluss warfen.

Der Fluss trieb seine traurige Fracht ins Meer, wo Wind und Wellen die Leier zum Erklingen brachten, als sie vor Lesbos am Strand trieb. Da öffnete Orpheus seinen Mund und sang eine Hymne auf die seelige Insel. Die Lesben bestatteten den göttlichen Sänger im Tempel des Apollon, wo die Nachtigallen nisteten und dort süßer und mächtiger als zuvor sangen.

Soweit die Sage von Orpheus in der Unterwelt, die eine Verblüffende Verbindung zu den Wikinger-Erzählungen ( Kvidar ) über die eddische Unterwelt offenbart.

Dort sind Meeresgott Niörd und Erdgöttin Nerthus ( Herta ) ebenso Eltern von neun Meerestöchtern, die den Regenbogengott Rig/Heimdall gebaren. Er sieht das Gras in den Wiesen wachsen und hört die Wolle auf den Schafen wachsen. Ein Hinweis eines alles sehenden, alles wissenden Himmelswächter, dem alle Menschentaten bekannt sind.

Regenbogen als Symbol des Spektrums, welches auch die Zusammensetzung ferner Sonnen erkenntlich macht. Dieser Gott mit dem Wunderhorn und mehreren Namen führt direkt zum göttlichen Sänger Bragi, der in einem Bott wie Orpheus das Urmeer befuhr bis an die Klippe zum Totenreich, dort sang er das Urlied vom Leben und erweckte die Natur aus ihrem Schlafe und führte die Blumenfee Iduna in sein Schloß, dem Wasserfall Sökvabek aus welchen die Stimmen der Gegenwart und Zukunft erklingen. Der Wasserfall entströmt dem Mimir-Born

Mimir und Munin sind Wikinger- Ausdrücke für MemorumErinnerung,  wie das griechische „ Mnemosyne“ ( Gedächtnis , die Mutter der Musen. In der Edda erwähnt  das Hyndla-Lied 34 die neun Wellenmütter wie auch im Heidreks-Rätsel, wo die neun Klageweiber mit den weißen Hauben die Wellen des Ozeans beschreiben

Im Vafthrundnismal 41 wird auch das orpheus-sche Bild der Seelenwanderung wie folgt beschrieben:

 Tags ( auf Erden ) fügen sich die Helden tödliche Wunden im Kampfe zu und sitzen des nachts ( im Jenseits ) wieder versöhnt an der Göttertafel!“ 

Zu Baldurs Todesahnung ritt der germanische Göttervater in die Unterwelt, um die Todesgöttin Hel dort persönlich zu beschwören. Die dort beschriebene Totenwelt ähnelt den griechischen Beschreibungen aufs Haar. Zentral-Problematik liegt in allen Fällen im Bereich der Mnemosyne, der ERINNERUNG.

Ohne dieses Gedächtnis wäre keine Achtsamkeit möglich, das 7. Glied im buddhistischen achtgliedrigen Pfad der Tugend. Des sich seines Lebenslaufes erinnern, erzeugt aufrechtes bereuen!

Wahre Bereuung ruft Seelenschmerz hervor der dem körperlichen Seelenschmerz gleicht. Das Bewusstsein kennt keinen Unterschied zwischen körperlichen und seelischen Schmerz. Je heftiger ein Seelenschmerz erlitten wird, desto gewisser tilgen die aufrichtigen Tränen das Erfordernis des künftigen, karmischen Ausgleichs. Buddha nannte seine Anhänger stets „Liebe Büßer und Prediger“, denn Busse führt zur ACHTSAMKEIT und vermeidet Anhäufung schlechten Karmas. 

Eurydikes Fußverletzung trug sie noch im Jenseits. Hades wollte die frischen, noch unverheilten Narben seiner Untergebenen nicht zeigen. In der Umkehrung können körperliche Verletzungen im Vorleben auch in die Wiedergeburt transportiert werden, sichtbar als kleine Narben, Muttermale oder sonstige kleine Auffälligkeiten 


Wer tiefer in die Materie der Reinkarnation eintauchen möchte, sollte sich nicht nur auf die Theorie verlassen. Sucht in YouTube oder eine andere Plattform sowie in eure Suchmaschine gezielt nach authentischen Erfahrungsberichten über Rückführungen. Diese Fallstudien machen das abstrakte Konzept greifbar und zeigen, wie unterschiedlich die Erlebnisse in Trance sein können.


 

Leserfrage

Ist die antike Unterwelt eher mythologische Dichtung – oder ein symbolischer Schlüssel zum Verständnis von Erinnerung, Gewissen und Seelenentwicklung?

Literaturtipps
  • Die Edda – Übersetzung nach Felix Genzmer

  • Homerische Hymnen

  • Ovid – Metamorphosen (Orpheus-Episode)

  • Walter Burkert – Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche

  • Mircea Eliade – Geschichte der religiösen Ideen

Allgemeine Anmerkung zu unseren Literaturtipps

Unsere Literaturhinweise sollen den Leserinnen und Lesern eine Orientierung bieten und unterschiedliche Blickwinkel auf die behandelten Themen ermöglichen. Dazu zählen sowohl klassische wissenschaftliche Werke als auch kulturhistorische, spirituelle oder interpretative Texte.

Nicht jede empfohlene Quelle entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Einige Titel bieten vielmehr alternative Sichtweisen, mythologische Deutungen oder persönliche Interpretationen der jeweiligen Autoren. Wir laden unsere Leser bewusst dazu ein, sich eigenständig ein Bild zu machen, kritisch zu vergleichen und bei Interesse auch auf wissenschaftlich gesicherte Fachliteratur zurückzugreifen.

Die Auswahl der Literatur soll daher als Anregung verstanden werden, nicht als abschließender Maßstab. Wir empfehlen, verschiedene Quellen heranzuziehen, Fragen zu stellen und das eigene Verständnis kontinuierlich zu erweitern.

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