Eine Erinnerung zwischen Liebe, Verlust und stillen Gesprächen
Nicht nur in stiller Dämmerung spricht meine liebe Frau aus der anderen Welt zu mir.
Auch nach dem Mittagessen, wo ich mich noch nicht im Ruhemodus befinde, konnte es geschehen.
Da schaute ich auf meinen Teller „Königsberger Klopse“, die mein ostpreußischer Opa so geliebt hatte, ebenso mein Vater und jetzt auch ich.
Nur nicht meine gute Frau.
Die verzehrte nur einen einzigen Klops aus Anstand.
Dennoch tischte sie das Kartoffelgericht mir zuliebe regelmäßig auf.
Einmal hatte sie einen ganzen Tag verbracht, diese „Köstlichkeit“ für mich selber herzustellen.
Sie hatte besonders viele Kapern hinzugefügt, und ihre Mehlschwitze brachte auch mich zum Schwitzen.
So fein geriebenes Fleisch mit einem köstlichen Hauch von etwas wie Sardellen darunter.
Ich kam gerade von der Arbeit, und sie schaute glücklich zu, wie ich ihr Gericht hastig verschlang.
Vom Zuschauen gesättigt fragte sie mich stolz, wie es mir geschmeckt habe.
Unaufmerksam und naiv sagte ich damals ehrlich:
„Die aus der Dose schmeckten mir besser!“
Ich bekam seitdem nur gewöhnliche Dosenklopse und begriff, Gewohnheit mit Qualität verwechselt zu haben.
Jahre später, als sie durch Krebs geschwächt im Klinikum lag, stand bei jedem meiner Besuche ein Teller Königsberger Klopse für mich auf ihrem Beistelltisch.
Sie sorgte sich bis zu ihrem Lebensende um mein Wohl.
Mit diesen Erinnerungen fielen mir Tränen aufs Essen und versalzen meinen Appetit.
Eine plötzliche tiefe Trauer kündigt stets die Präsenz meiner Frau an, und ich fragte sie:
„Warum kannst du vor meinen Augen nicht so sichtbar erscheinen wie damals vor dem Erwachen?“
Ich lauschte einen langen Atemzug.
Dann antwortete sie in meinem still gewordenen Gehirn so:
„Aus Rücksicht auf Dich! Dein wertvolles aktuelles Leben würdest du sonst verschwenden! Wer mit Toten lebt, ist selber tot!“
Ich schob meine Königsberger Klopse beiseite, um sie nicht noch mehr mit Tränen zu versalzen.
Dann war ich zufrieden mit unseren freundlichen Zwiegesprächen und dankbar, dass sie sich überhaupt hierzu entschieden hatte.
Infobox – Weiterführende Literatur
📚 Empfohlene Bücher und Quellen
- Joan Didion – Das Jahr magischen Denkens
- Elisabeth Kübler-Ross – Über den Tod und das Leben danach
- Thich Nhat Hanh – Versöhnung mit dem inneren Kind
- Sogyal Rinpoche – Das tibetische Buch vom Leben und Sterben
- C. G. Jung – Erinnerungen, Träume, Gedanken
- Khalil Gibran – Der Prophet






