Tropen-Gewitter
Andern tags saßen wir in der offenen Vorhalle zum Frühstück beisammen. Über uns summten die gigantischen Ventilatoren mit Propeller, die eine Messerschmitt in die Luft heben könnten. Spatzen nisteten in allen Dach-Nischen und pickten die Brotkrumen auf, die wir ihnen zuwarfen. Ein unglückliches Flugmanöver – und schon verlor so ein Federball seinen Kopf am Ventilator. Dem Personal brachte nichts aus der Fassung und sie störten nicht des entseelten Tierleins Totenruhe.
Dann bestiegen wir einige kleine Tuck-Tucks, die billiger waren als die, auf Kunden wartenden, großen und farbigen Oldtimer-Karossen. Puis Mutter „Eh“ hatte die Fahrer für 50 Barth einen ganzen Tag gechartert. Unser Fahrer war ein Fan von Michael Schuhmacher.
Ich ärgerte mich wegen die Wahl meines derben Bauernfrühstücks. Die Thais indessen löffeln morgens nur kleine Schälchen Glasnudeln mit Fleischbrühe und Gewürzen. Mir fielen Björns Worte ein, dass die Thais zahlreich ohne Führerschein herumgurken. Wenn die Polizei einen erwischt, steckt er ihnen 500 Barth zu und setzt seine Fahrt fort. Geschieht ein größerer Unfall, steht man ohne Fahrer da.
Unser Fahrer hatte schon das Gas bis zum Boden durchgetreten, dass Abspringen nicht mehr möglich war. Nun ging es auch noch steil bergauf und ich dachte an die Worte meines Fahrlehrers:
„Ab 80 km/h steigt der heilige Christopherus aus!“
Aber in Thailand gibt es keinen Christopherus – und Buddha lächelt nur.
Mit zitternden Knien standen wir schließlich vor der großen Pagode. Unsere Körper waren durchgeschwitzt bis auf die Fußsohlen und Tempel betrat man nun barfuß. Kniend rezitierte ich vor einer schönen Buddhafigur, und anstelle aufzustehen, rutschte ich über den glatten Marmorboden wie ein Fisch im Aqua-Zoo. Angelika kam helfend und zog mich in die Höhe, das Gesicht voller verwehtes Blattgold.
Ich sah Pui vor dem indischen Glücksgott Ganesha beten und wusste erst 9 Monate später warum!
Der Tempel wurde von Chinesen erbaut; sowohl 2 Milliarden Chinesen wie auch 2 Milliarden Inder verehren in ihren Tempeln den Buddha (thai: „Bra-put-ta-tschao“, chin.: „Tschakya-muni“) als Avatar des Gottes Vishnu. Puis Onkel, der zugleich Björns Vorgesetzter ist, schlug eine große Außenglocke mit einem an Ketten schwingenden Bambusstamm an. Ihr dumpfer Ton gab die Weltfrequenz des indischen Heilslautes „Aom“ wieder, der weit über einen angebauten, terrassenförmigen chinesischen Friedhof wallte.
Ich flüchtete aus einem Seitentor und japste eine breite Stufenstraße empor zu großen Buddhas, die von oben auf mich herabblickten – wie Riesen auf einen Zwerg. Das machte mich auch innerlich klein, und ihre zur Meditation halb geschlossenen Augen machten mich schläfrig wie ein Kaninchen vor einer Schlange.
Björns Stimme entriss mich aus der Hypnose und ich spürte die große Hitze und den noch größeren Durst.
„Setzen wir uns ab in das Parkplatz-Restaurant?“ fragte er.
Ich nickte zustimmend, weil meine Lippen zusammenklebten. Leider hatten die nur kleine Cola-Flaschen, aber die waren dafür gut temperiert. Ich schaute auf die umliegenden Sandgärten und entdeckte Michael Schumacher in seinem Tuck-Tuck schlafen. Den armen Kerl brachte ich eine kalte Est-Cola und der nahm sie dankbar an. Die Kellner behielten die Pfandflasche im Auge.
Vom nahen Vihara (Mönchsheim) hörten wir Bikhuns (Mönche) und Bikhunis (Nonnen) gemeinsam rezitieren.
Nach einigen schwachen Eistee auf Crash-Eis sammelten wir uns alle wieder zur Rückfahrt. Ich schaute auf den ins Tal führenden Asphalt, der in der Hitze wie ein kleiner Fluss glitzerte, und gab Herrn Schumacher Trinkgeld zum extra langsamen Hinunterfahren.
Wenn man nach solchen Ausflügen im Hotel ankommt, fühlt man sich bald dort wie Zuhause. Dort konnte man bis 16 Uhr kostenlos Kaffee vom Automaten zapfen. Wo es die ungeheuren hohen Steuerabgaben (wie hier in Thailand) nicht gibt, wurde alles freigiebig gereicht.
Nur Tabakwaren holte man, Jugendschutz-Gründen halber, aus unsichtbaren Fächern wie Kostbarkeiten aus einer Parfümerie. Angelika bestellte artig „L and M“ und die Verkäufer zeigten mit ihren Fragefingern auf alle Zigarettenpackungen entlang des Alphabets.
Zum Glück standen nur „Farag-Zigaretten“ zur Verfügung, denn das Thai-Alphabet verfügte über das Dreifache an Buchstaben. Angelika erhaschte eine Dose mit Fisch und ein kleines Weißbrot und schmuggelte es auf unser Zimmer. Auf der Dose stand „Sea-let“ – sah aus wie Labskaus, schmeckte aber wie die hässlichen, dicken Fische in den Kloaken von Bangkok.
Andern tags erblickte ich im angrenzenden Sandgarten einen kleinen Wäscheständer mit engem Kaninchendraht, der horizontal zum Erdboden stand. Darauf lagen ein Dutzend kleiner, silbern funkelnder Fischlein. Ein brauner Junge bewachte in der Sonnenglut diese Dürrfische vor gierigen Vogelangriffen.
Mir kamen Gelüste nach den leckeren Kieler Sprotten auf.
Von Buddhas lächelndem Gesicht schaute ich in Angelikas lächelndes Gesicht, die von einem großen Fischrestaurant wusste, dem unser nächster Ausflug galt. Man bezahlte am Eingang und setzte sich an ein Fließband an einem Tischlein mit Brennöfchen. Vom Fließband nahm man nur diejenigen Speisen, die einem auch schmeckten.
Ich warf meine chinesischen Essstäbchen fort und griff, wie mir beliebte, mit allen zehn Fingern zu. Auf einem Podium überblickten die fleißigen Köche, welche Meeresfrüchte die größte Abnahme fanden, und regulierten die Lieferkette.
Mittags nahmen wir eine Abkürzung und durchwateten einen langen, flachen Zierteich, wo kleine Monster die Schuppen von unseren Füßen knabberten.
Abends nahmen wir mit gleicher Gelassenheit ein fernes Wetterleuchten zur Kenntnis, welches bald in ein aufkommendes Nachtgewitter umschlug. Vom Balkon genoss ich die etwas kühler werdenden, immer noch warmen Winde.
Mit dem ersten Trockengewitter schalteten wir im Hotelzimmer sofort die „Deutsche Welle, Asien“ aus. Die Blitze wurden länger und sogar horizontaler als daheim. Der immer kürzer werdende Donnerschlag näherte sich, als würde eine Dampfwalze über den 7. Stock fahren.
Dann löschte ein heftiger Einschlag das Licht im Hotel. Wir schlüpften wie Blindschleichen in unsere Kleidung und mit einem Regensturz stieg auch unser Blutdruck.
Der ganze Straßenzug lag im Dunkeln. Ich tastete mich in den Flur und stellte entsetzt fest, dass alle Fahrstuhltüren geöffnet waren. Dann brannte ein schwaches Notlicht an den Bodenleisten.
Ich klopfte an einigen Hoteltüren, aber die lagen wohl alle scheintot unter ihren Betten. Nur Pui öffnete mit einer blendenden Taschenlampe und lauschte den Wortfetzen der Hotelbediensteten. Sie wusste, dass keine Brandgefahr bestand, und zog sich zurück.
Wir aber verblieben diese Nacht voll bekleidet mit unseren Papieren auf der Bettkante sitzen.
In dieser Nacht entdeckte ich, dass Boy George in Angelikas Haare kackgelbe Strähnen gefärbt hatte.
„Ja, die Thais haben andere Haarstruktur – bei denen entwickeln sich die Farben anders!“, klagte sie leise und lächelte gezwungen.
(Fortsetzung folgt)
Leserfrage
Haben Sie auf Reisen schon einmal ein extremes Naturereignis erlebt, das Ihnen lange in Erinnerung geblieben ist?
Weiterführende Literaturtipps
- Paul Theroux: Der große Eisenbahn-Basar
- Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel
- Colin Thubron: Schatten der Seidenstraße
- Ilija Trojanow: Der Weltensammler
- Andreas Altmann: Reise durch einen einsamen Kontinent






