Zwischen Erinnerung, Trauer und innerem Dialog
Einmal im Jahr ist im Begräbniswald Venlo (NL) ein Lichterfest zur Erhellung der dunklen Jahreszeit.
Zahlreiche junge Leute wiesen mit roten und gelben Neonröhren in den Händen uns den Weg zu noch freien Parkplätzen. Die Wegesränder waren hell mit kleinen Erdfackeln illuminiert. Hinter dem Parkplatz, auf einer geräumigen Sammelstelle, standen leere Öltonnen, aus denen wärmende Flammen züngelten.
Jüngere Leute überließen den Älteren höflich die ausreichenden Bankreihen. Wo gibt es so etwas noch bei uns? Holland ist ein sauberes Land, mit einwandfreien Straßen, hat auch viele Migranten, die sich voll integrieren.
An mehreren Sammelständen wie diesen am Eingang gab es Unterstände mit kostenlosen heißen Getränken: Kaffee, Kakao, Glühwein. Mein Sohn, dessen Beifahrer ich war, schmunzelte über die extra kleineren Glühweinbecher. Als meine stille Schwiegertochter Michaele sagte, dass sie uns wieder zurück chauffiert, hörte ich öfter seine Worte: „een dropje in het pottje!“
Frauenchöre sangen im Fackelschein gedämpfte Choräle in den sternenklaren Himmel. Die Menschen sprachen leise kurze Sätze und grüßten sich freundlich zu. An einem Tisch konnte jedermann kleine rote Teelichter für sein Grab mitnehmen.
Wir gingen zum Begräbnisbaum meines Enkels Patrick und entzündeten dort sein Teelichtlein. Patrick, den man mit seinen jungen 25 Jahren vor seiner Haustüre erstochen aufgefunden hatte (Täter nicht ermittelt), liebte unsere irischen Lieder im Familienkreis.
Ich sang ihm zu Ehren drei Strophen, wobei meinem trauernden Sohn die Stimme versagte.
Dann gingen wir durch den illuminierten Wald hinauf zum Biberteich, zum Grab meiner Ehefrau. Am Steg einer kleinen Weiherbrücke war abermals eine Sammelstelle, wo brave Frauen uns mit Konzerten erfreuten. Tonnenfeuer wärmten uns von außen und Glühwein von innen. Sternschnuppen zuckten unter dem magischen Vollmond.
Ich suchte mit den Augen die kleine, kindshohe Fichte am Grab meiner Frau. Ich ließ mich auf einen Baumstumpf nieder und teilte ihr meine melancholischen Gedanken mit:
„Was meinst Du? Der ‚B‘ und die ‚T‘ glauben nicht an Wiedergeburt und Totengeister! Sie glauben nur, wer an Jesus glaubt, kommt für immer in den Himmel!“
Es schmerzt, wenn gute Menschen so einfach gestrickt denken.
Ich lauschte in mir und fragte mich, wie wohl die Antwort meiner Frau lauten würde. Da kam schon ihre beruhigende Stimme:
„Es ist unwichtig, was andere glauben! Wichtig ist, was du glaubst! Existiere ich in geistiger Welt weiter, so wie Shiva?“
Typische Gegenfrage meiner lieben Gattin!
Shiva war unser Kater, der drei Tage nach dem Tode meiner Frau sich vor ihrem Sessel legte und aufhörte zu leben. Er starb, weit übertagt, und verabschiedete sich in der Nacht mit einem kläglichen Miauen. Tage später fühlte ich, wie er nachts auf mein Bett sprang und seinen Schlafplatz zu meinen Füßen suchte.
Da überkam mich mit freudigem Gefühl der Einfall:
Wenn Tiere Seelen haben, die nach dem Tode weiterleben, warum Menschen dann nicht?
Übermütig vom Befragen wollte ich jetzt noch wissen, woran ich erkenne, wann sie präsent ist.
Es dauerte ein Weilchen, da erinnerte ich mich, wie glücklich ich in ihrer Gegenwart war.
Und schon kam ihre passende Antwort:
„Wenn du an mich denkst, fühle ich das und bin dann sogleich bei dir und gebe dir tröstende Gedanken!“
Gleichzeitig ging in mir ein Lichtlein auf:
„Genau so mag es sein, wie zwei verschränkte Quanten in der modernen Physik!“
Gedanken mögen schneller als Licht sein, durchfuhr es meinen Kopf, und ich stellte mir noch eine Frage:
„Was machst du denn im Jenseits die sonstige Zeit? Gibt es dort auch böse Wesen?“
Abermals war in meinem Kopf eine angespannte Stille. Dann sprudelten die Gedanken nur so heraus, als ob meine Frau nur auf diese Frage gewartet hätte:
„Dasselbe, was man in der grobstofflichen Welt freizeitlich machen würde, nur mühelos mit seinen Gedanken. In meiner Welt leben nur freundliche Wesen der gleichen Schwingungsebene. Die Atome einer niedrigen Ebene schwingen träge, und in der niedrigen Frequenz begegnen sich all jene Wesen, die wir nicht mochten und die uns nicht mochten. Jeder lebt nach seiner Art!“
Das war für mich neu.
Einige Augenblicke später erinnerte ich mich an eine unbeantwortete Frage, die ich nun noch schnell gewinnen wollte:
„Warum kannst du mir nicht so deutlich erscheinen, wie einige Verstorbene auf nächtlichen Videoüberwachungen?“
Ihre Antwort war so einfach, dass ich mich wunderte, überhaupt gefragt zu haben:
„Die nähern sich den Frequenzen eurer grobstofflichen Welt und können sich dort in ihren feinstofflichen Körpern verletzen!“
Ich bedankte mich bei meiner Frau für ihre ungewöhnlichen Antworten und empfand den neu eintretenden Frauengesang wie Grabeshymnen.
Ein seichter Wind wiegte die schwarzen Schatten der Bäume, und ich genoss die Beseeltheit der ganzen Natur.
(Potthapada)
Leserfrage
Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, mit einem verstorbenen Menschen innerlich „im Gespräch“ zu sein – und wie deuten Sie solche Erfahrungen?
Literaturtipps
- Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben
- Über den Tod und das Leben danach
- Tröstungen
Im Buddhismus wird gelehrt, dass alles Verbundene sich irgendwann trennt – und doch nichts völlig verloren geht.
Erinnerung, Mitgefühl und Liebe sind keine festen Dinge, sondern lebendige Prozesse im Geist.
Wenn wir einem Verstorbenen in Gedanken begegnen, zeigt das vor allem eines:
Die Verbindung wirkt – nicht als Besitz, sondern als Mitgefühl, das weiterlebt.









