Die dualistische Welt

Gegensätze, Karma und die Suche nach Sinn im Leiden

Der große persische Philosoph Zarathustra (Zoroaster) lehrte im 6. Jahrhundert vor Christus den Dualismus der Welt, wonach jedes Ding einen Gegenpol besitzt.

Er überzeugte seine Anhänger (Mazdaisten, Parsen), dass Gott absolut (vollkommen) ist und aus etwas total Gutem auch nichts Böses kommen darf, weshalb das Gute und das Böse Prinzip (Gott und Teufel) zwei unabhängige, gleichalte Kräfte sind.

Diese Idee ist rational nachvollziehbar und beobachtbar: Der Stromkreislauf benötigt Plus und Minus, wie auch die ganze Natur aus Gegensätzen existiert (Yin und Yang), bis hin zur Materie und Antimaterie.

Kennzeichen der Natur ist ihre Vielfalt, wo es nicht nur einen Baum, nur einen Menschen, nur eine Sonne gibt. Gleichfalls ist es nur logisch, von mehreren Göttern und mehreren Teufeln auszugehen, die sogar noch klassifizierbar sind in gut – besser – am besten oder schlecht – schlechter – am schlechtesten.

Wäre so eine Gottheit perfekt (vollkommen), müsste seine ganze Schöpfung auch vollkommen sein. Man benötigt nicht viel Verstand, um die Unvollkommenheit der Welt zu erkennen – so wie ein perfekter Handwerker makellose Ware produziert.

Kein Philosoph oder Kosmologe kann den Sinn der Welt erklären, nur deren Funktion einigermaßen. Feststellbar ist lediglich, dass das Leben als solches nur dem Leben als solches dient.

Weil es nicht nur eine Sonne, einen Planeten oder einen Mond gibt, kann man geistig folgern, dass es auch mehrere Leben in einem Zyklus wie Weltentstehen und Weltvergehen gibt. Doch ergäbe diese Reinkarnationskette nur einen Sinn, wenn das erworbene Wissen des Menschen ins nächste Leben Früchte trägt.

Ein Gott, der sich nicht um Gerechtigkeit und Güte bemüht, ist ebenfalls kein Gott in diesem System. Er muss sich ergo als ein Prinzip darstellen, das zur Gerechtigkeit erzieht und die Vermeidung von Schmerz beabsichtigt.

Hierzu ist der indische Liebesgott Karma (Schicksal) prädestiniert, den wir in den indo-europäischen Wörtern „Harmonie“ und „Amor“ wiederfinden.

Jeder Mensch fragt sich einmal:
„Warum muss ich das erleiden?“ oder: „Hätte ich doch nur auf meinen Vater gehört!“

Buddhisten wie wir sehen alle bösen und guten Geschicke als Folgen unserer eigenen Taten, die wir in einem Vorleben begangen haben.

Soweit die Theorie – doch wie schwer ist sie in der Praxis!

Ich ließ die ganze Welt an der Liebe zwischen mir und meiner hübschen Frau Anteil nehmen. Jetzt, wo sie mir der böse Krebs entrissen hat, füllen sich meine Augen mit Tränen beim Anblick eines verliebten jungen Pärchens.

Da fielen mir die Worte eines Freundes ein, der aus Japan zurückkam und berichtete, dass sich verliebte Menschen dort nicht öffentlich küssen, weil sie nicht die Herzen unglücklicher Menschen verletzen möchten.

Als mir am nächsten Tag ein Liebespaar entgegenkam, grüßte ich es lächelnd, weil ich ihnen ihr Glück herzlich gönnte.

Auch die unendliche Sehnsucht, meine Ehe im nächsten Leben wieder fortzusetzen, schmerzte nicht mehr so sehr bei dem Gedanken, dass auch diese im erneuten Trennungsschmerz enden muss.


(Potthapada)

Anmerkung: Der Buddhismus integrierte zwar einige himmlische Wesen des indischen Pantheons, betonte jedoch stets, dass auch diese dem Wirkungskreis von Karma, Leiden und Vergänglichkeit unterworfen sind und daher nicht vom Ziel des Nirwana ablenken sollten.

Leserfrage

Ist es hilfreicher, Leid als Ergebnis kosmischer Gerechtigkeit zu verstehen – oder als Teil einer zufälligen, nicht erklärbaren Welt?

Literaturtipps
  • Also sprach Zarathustra
  • Die Lehre des Buddha
  • Das Herz der buddhistischen Lehre
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