Der Staubsauger
Meine kleine, neuralgische Pendeluhr zeigte gerade 14:30 Uhr. Ich saß brav am Computer, und im Haus war es vollkommen still.
Da polterte plötzlich mein Staubsauger aus seiner stillen Nische in den schmalen Flur.
Erschrocken blickte ich auf.
Kaum hatte ich mich von diesem Lärm erholt, fiel aus der kleinen Küche auch noch mein aufgetürmter Kartoffelkarton zu Boden. Die geliebten Erdknollen kullerten lärmend über den alten Linoleumboden.
Für einen Augenblick saß ich einfach nur da und fragte mich:
Was war denn jetzt los?
Wenn plötzlich alles eine Bedeutung bekommt
Ich musste an Carl Gustav Jung denken.
Jung beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, warum Menschen manchmal äußere Ereignisse als bedeutungsvoll miteinander verbunden erleben. Für solche Erfahrungen prägte er den Begriff der Synchronizität.
Das bedeutete natürlich nicht automatisch, dass mein Staubsauger und die Kartoffeln eine Botschaft enthielten.
Aber in solchen Augenblicken arbeitet der Kopf schneller, als einem manchmal lieb ist.
Also griff ich kurzerhand zum Telefon und rief meine Kinder an.
„Ist bei euch alles in Ordnung?“
Zum Glück war alles gut.
Mein ältester Sohn erinnerte mich scherzhaft an den guten alten Sigmund Freud und seine Vorliebe für Symboldeutungen.
Das erschien mir in diesem Augenblick dann doch etwas zu weit hergeholt.
Und trotzdem blieb da ein Gedanke.
Eine Bitte vom Abend zuvor
Am Abend zuvor hatte ich meine verstorbene Angelika in Gedanken gebeten:
„Gib mir doch noch einmal ein kleines Zeichen deiner Nähe.“
Und nun fiel plötzlich erst der Staubsauger um und anschließend der Kartoffelkarton.
Mein Verstand widersprach sofort:
Nein. Meine Liebste ist doch kein Poltergeist!
Vielleicht war der Staubsauger einfach schlecht abgestellt gewesen.
Vielleicht hatte sich der Karton verschoben.
Vielleicht war alles nur Zufall.
Aber wenn man einen Menschen verloren hat, den man sehr geliebt hat, bekommen kleine Ereignisse manchmal eine Bedeutung, die sie für einen Außenstehenden überhaupt nicht besitzen.
Das abendliche Teelicht-Ritual
Am Abend setzte ich mich wie gewohnt zu meinem kleinen Teelicht-Ritual.
Das Teelicht brannte ruhig vor mir.
Daneben mein Glas Grog.
Ich dachte an Angelika und stellte mir innerlich noch einmal die Frage:
„War das heute ein Zeichen?“
Natürlich wusste ich, dass Trauer, Erinnerung und Erwartung unsere Wahrnehmung beeinflussen können.
Und doch entstand in mir erneut dieses vertraute Gefühl einer stillen Nähe.
Nicht wie eine Stimme im Raum.
Nicht wie ein sichtbarer Geist.
Sondern eher wie ein inneres Gespräch, bei dem Erinnerungen, Gedanken und Gefühle plötzlich eine erstaunliche Klarheit bekommen.
Und in meiner Vorstellung lächelte Angelika.
Dabei war mein Grog-Glas noch randvoll!
Zwei Räucherkerzen später
Es dauerte ungefähr zwei Räucherkerzenlängen, bis meine Gedanken ruhiger wurden.
Dann formte sich in mir eine Antwort, die ich durchaus Angelika hätte zutrauen können:
„Bevor du mich mit all deinen Fragen überhäufst, richte sie doch einmal an einen Arahat.“
Ein Arahat gilt im Theravada-Buddhismus als ein Mensch, der den Weg des Buddha vollständig verwirklicht und Befreiung erlangt hat.
Und damit bekam der Gedanke plötzlich eine andere Richtung.
Nicht mehr:
„Was wollte mir dieses oder jenes Zeichen sagen?“
Sondern:
„Wie würde ein wahrhaft achtsamer Mensch jetzt handeln?“
Oder noch einfacher:
„Was hätte der Buddha an meiner Stelle getan?“
Nicht jedes Zeichen muss entschlüsselt werden
Vielleicht liegt darin eine viel wichtigere Antwort.
Wir Menschen möchten vieles erklären.
Warum geschah gerade dies?
Warum fiel gerade jetzt etwas um?
War es Zufall?
War es Erinnerung?
War es eine Botschaft?
Oder war es lediglich ein schlecht abgestellter Staubsauger?
Vielleicht muss man nicht jedes Ereignis bis ins Letzte entschlüsseln.
Manchmal reicht es, achtsam wahrzunehmen, was ein Ereignis in uns selbst auslöst.
Erinnerungen statt Rätsel
Und dann kam eine Erinnerung zurück.
Angelika und ich bei Café Heinemann.
Vor uns ein Kännchen Kaffee und ein Stück Grillaschtorte.
Keine großen philosophischen Fragen.
Keine Suche nach Zeichen aus einer anderen Welt.
Keine Diskussion über Wiedergeburt, Jenseits oder geheimnisvolle Energien.
Nur wir beide.
Ein schöner Nachmittag.
Wir saßen dort, tranken unseren Kaffee, aßen Kuchen und waren einfach glücklich.
Später gingen wir Arm in Arm nach Hause.
Und plötzlich verstand ich den Gedanken hinter meinem inneren Gespräch:
Warum sollte ich einer solchen Erinnerung ihre Unschuld nehmen, indem ich sie mit tausend Fragen über das Jenseits überlade?
Sie war schön.
Das genügte.
Was hätte der Buddha getan?
Vielleicht besteht Achtsamkeit manchmal gerade darin, nicht jeder Frage hinterherzulaufen.
Der Buddha lehrte immer wieder, unsere Gedanken und Gefühle zu beobachten, ohne uns von ihnen fortreißen zu lassen.
Trauer darf da sein.
Liebe darf da sein.
Erinnerungen dürfen da sein.
Und selbst ein merkwürdiger Nachmittag mit einem umfallenden Staubsauger und herumrollenden Kartoffeln darf einfach das sein, was er war.
Ein Augenblick, der mich an Angelika erinnerte.
Nicht mehr.
Aber vielleicht auch nicht weniger.
Ich nahm schließlich den letzten Schluck meines inzwischen abgekühlten Grogs.
Mein Mund war trocken geworden.
Ich lehnte mich zurück und saß noch lange im Wohnzimmersessel.
Still.
Zufrieden.
Und mit einem Lächeln.
Das Teelicht wurde immer kleiner.
Bis die Flamme schließlich von selbst erlosch.
Vielleicht hatte ich an diesem Abend keine Antwort auf die Frage bekommen, ob der Staubsauger ein Zeichen gewesen war.
Aber ich erinnerte mich daran, was wirklich wichtig gewesen war:
unsere gemeinsamen Stunden.
Und manchmal ist eine schöne Erinnerung die deutlichste Antwort, die wir bekommen können.
(Euer Liebestrottel)
🪷 Infobox: Was bedeutet „Arahat“?
Arahat ist ein Begriff aus dem Buddhismus und bedeutet sinngemäß „der Würdige“ oder „der Verehrungswürdige“.
Im Theravada-Buddhismus bezeichnet er einen Menschen, der durch Einsicht und geistige Schulung Gier, Hass und Verblendung überwunden und Nirvana verwirklicht hat.
Auch der historische Buddha wird als Arahat bezeichnet.
Ein Arahat gilt jedoch nicht als allwissender Wahrsager und besitzt nach buddhistischer Lehre nicht automatisch Antworten auf jede alltägliche Frage.
Die Frage „Was hätte der Buddha getan?“ kann deshalb vor allem als persönliche Übung verstanden werden: innehalten, achtsam werden und prüfen, ob das eigene Handeln von Mitgefühl, Weisheit und innerer Ruhe bestimmt ist.






