Der dritten Stand: den Adel
Einführung
Im dritten Teil der Rigs Thula richtet sich der Blick auf den dritten Stand: den Adel. RIG setzt seine Wanderung fort und gelangt nun in ein vornehmeres Haus. Ausstattung, Kleidung, Speisen und Tätigkeiten unterscheiden sich deutlich von den zuvor geschilderten Lebenswelten der Knechte und Freien.
Aus dieser Verbindung geht JARL hervor. Seine Erziehung ist von Waffenhandwerk, Reiten, Jagd, Kampf und Herrschaft geprägt. Später tritt RIG erneut auf, vermittelt Runenwissen und führt die Abstammung schließlich zu Konr ungr, dem jungen König. Mit ihm verbindet die Dichtung Herrschaft, Runenkunde, außergewöhnliche Fähigkeiten und kriegerische Aufgaben.
Der folgende Originaltext bildet damit den Abschluss der dreiteiligen Darstellung von Knechten, Freien und Adel innerhalb der Rigs-Thula.
( Rigs-Thula heißt in der Wikingersprache „Königs-Erzählung“ und die findet in Norwegen, den Ursprung aller Isländer, seine Erhöhung. Im Altertum hielten die Wikinger ja die Südländer als kriegerisch schwächer, ganz in Sinne der Ura-Linda-Chronik. Auch in ihren Sagen nannten sie die Ureinwohner Amerikas auf ihren letzten Abenteurerfahrten noch „Skrälingar“ Schwächlinge. So verlockend der Gedanke auch erscheinen mag, die Edda sah in der Rings-Thula lediglich die Entstehung der drei alten indogermanischen Stämme: Knechte, Freie und Adel, ähnlich dem indischen Kastensystem. Noch im Mittelalter wurde die weiße Haut der Burgmaiden besungen, im Gegensatz zu den sonnenverbrannten Gesichtern der Feldarbeiter. )
24
Gekk RIGR dadan rettar brautir; kom hann at sal, sudr hofdo dyrr,
war hurd hnigan, hringr war i gätti.
( Ging RIG sodann rechten Pfades; kam er an Saal, im Süden hatte er Türe,
war innwärts geneigt, Klopfring war am Tor.)
25
Gekk hann inn at dat, golf war strat; sato hion, saz i augo,
Fadir ok Modir, fingrom at leika.
( Ging er hinein dort, Flur war gestreut; saßen Eheleute, saßen Auge zu Auge.
Vater und Mutter, mit Finger spielend.)
26
Sat husgumi ok sneri streng alm of bendi, örwar skepti;
senn huskona hugdi at ormom, strauk of ripti, sterti ermar.
( Saß Hausherr und schnürrte Stränge, Ulmbogen spannend, schnitzte Schäfte.
Seine Hausfrau gedachte ihrer Arme, strich übers Tuch, straffte Ärmel. )
27
Keisti fald, kinga war a bringo, sidar slödor, sere blafan;
brun biartari, briost liosara, hals hvitari rheini miollo.
( Erwählte Haube, Brosche war hervorgebracht, langen Schleier, Wams blauer;
Brauen glänzten, Brust licht, Hals weißer wie reines Mehl.
28
Rigr kunni deim rat at segia; meir settiz hann midra fletia,
enn a hlid hwara hion salkynna.
( RIG konnte ihnen Rat sagen; dann saß er mittigs Flur,
und zu Lenden waren Eheleute, die Saaleigner.)
29
Da tok Modir merktan duk, hwitan af horwi, huldi biod;
hon tok at dat hleifa dunna, hwita af hweiti, ok huldi duk.
( Da zog Mutter markantes Tuch, gebleicht auf Dohle, gehuldigten Tisch;
Sie zog auf das Brotleib dünnes, weß von Weizen, auf geweihtem Tuch.)
30
Fram setti hon skutla fulla, silfri warda, setti a biod, fan ok fleiski ok fugla steikta;
win war i konno, wardir kalkar; drukko ok dömdo, dagr war a sinnom.
(Von Seiten sie Schüssel füllte, silberne waren da, saßen auf Tisch, Soße und Fleisch und Vogel gebraten; Wein war in Kannen, waren in Kelche; tranken und urteilten,
Tag war gesunken.)
31.
Rigr kunni deim rat at segia, reis Rigr at dat, rekkio gerdi;
dar war hann meir at driar nätr saman;
gekk hann meir at dat midrar brautir, lido meir at dat manudr nio.
( RIG konnte ihnen Rat sagen, erhob Rig da das Bett gemacht.
Dort war er mehr als drei Nächte zusammen;
ging er weiter auf Mitte des Pfades, vergingen weiter der Monde neun. )
32
Swen ol Modir, silki wafdi, ioso watni, JARL leto heita;
bleik war har, biartir wangar, otul woro augo sem yrmlingi.
( Sohn gebar Mutter, in Seide gewickelt, gesegnet mit Wasser, Graf geheißen.
Bleich war‘s Haar, strahlend Wangen, edel waren Augen wie‘s Würmelein. )
33
Upp ox dar Jarl a Fletiom, lind nam at skelfa, leggia strengi, alm at beygia, owar skepta,
flein at fleygia, frokkor dyia, hestom bregda, hundom werpa, swerdom bregda, sund at remia.
( Auf wuchs dort Graf am Hofe, Lindenschilde schüttelte er, schnürte Stränge, Bogen er beugte, Pfeile schafftete er, Flintsteine flogen, Lanzen drücken, auf Hengsten brechen,
Hunde richten, Schwerter brachen, Sunde umrunden.)
34
Kom dar or runni Rigr gangandi, Rigr gangandi runar kendi; sit gaf heiti, son kwez eiga;
dann bad hann eignauz odal-wollo, odal-wollo, aldnar bygdir.
( Kam da aus Rain RIG gegangen, Runen kundiger; Sitte gab er zu heißen, Sohn nennen sein Eigen. Dann bot er eigenes Heimatwohl, Eltern Gebäude.
35
Reid hann meir dadan myrkan wid, helug fioll, unz at hollo kom:
skapt nam at dyja skelfdi lind, hesti hleypti ok hiorwi bra: wig nam at werkia, woll nam at rioda, wal nam at fella, wa til landa.
( Ritt er weiter zum Schwaz-Wald, steinige Felsen, bis zur Halle kam: Schafte nahm er tötliche,Schüttelt Linden-Schilde, Hengste spornte, und Hiebwaffen er brach: Kampf er erweckte, Walstätten rötend, Welschlinge fällend, weihte Länder.
36
Red hann einn at dat atian buom. Aud nam skipta, ollom weita meidmar ok mosma,
mara swangrifia; hringom Hreytti, hio sundr baug.
(Er ritt zurück zu achtzehn Gebäuden, Besitz er verteilte, allen bewirtend.Kostbarkeiten und Kleinode, Pferde Schwanenrippige; Ringe verstreuen, zerhieb Spangen.
37
Okko ärir urgar bratir, komo at hollo, dar er Hersir bio;
mötti hann miofingradi, hwitri ok horskri, heto Erno.
( Er ruderte feuchte Pfade, kam zur halle, dort Herzog wohnt; traf e gertengrade, weiße und hurtige, geheißen ERNA.
38
Bado hennar ok heim oko, gipto Jarli , gekk hon in linni;
saman biuggo dau ok ser undo, ättir ioko ok aldrs nuto.
( Beide einig und Daheim Huld gab Graf, ging er in Leinen.
Zusammen wohnten sie und voll Hoffnung, Geschlecht zeugen von Alters nützlich.)
39
Bur, Barn, Iod ok Adal, Arfi, Mogr, Nidr ok Nidiungr, Sonr ok Swen, Kundr, Konr.
40
Upp oxo dar Jarli bornir; hesta tombo, hlifar bendo, skeyti skofo, skrlfdo aska.
( Auf wuchsen Grafs Söhne: Hengste zähmend, Schilde einfassend, Pfeile schaffend, wiegend Eschenschäfte.)
41
Enn Konr ungr kunni runar, ävinrunar ok aldrrunar,
meir kunni hann monnom biarga, eggiar deyfa, ägi lägia
( Der König junger kannte Runen: Lebensrunen und Zeitrunen, mehr noch konnte er Männer bergen, Schwerter stumpfen, Meer legen ( ruhig ) .
42
Klok nam fugla, kyrra eida, säwa of swefla, sorgir lägia, afl ok eliun atta manna.
( Pfiff mit Vögel, wählte Feuer, Seelen besänftigen, Sorgen legen, Kraft und willen acht Männer haben. )
43
Hann wid RIG Jarl runar deildi, brogdom beitti ok betr kunni;
da odladiz ok da eiga gat Rigr at heita, runar kunna.
( Er mit RIG Grafen Runen teilten, eiferten scharf über bessere Kunde.
Da erlaubte und da gab zu eigen ihm, Rig zu heißen, Runenkenner.)
44
Reid Konr ungr kiorr ok skoga, kolfi fleygdi, kyrdi fugla.
( Ritt Königs junger durch Busch und Schonung, Kolben schleudernd, killend Vögel.)
45
Da kwat dat kraka- sat kwisti ein: „Hwat skaltu, Konr ungr, kyrra fugla ?
Helder mätti der hestom rida ok her fella!“
( Da sprach sie Krähe , saß auf Zweige einem: „ Was sollst du, König junger, killen Vögel ?
Heldenhafter macht, der Hengste reitet und Heere fällt!“
46
A Danar ok Danpr dyrar hallir, ödra odal, enn er hafit;
deir kunno wel kiol at rida, egg at kenna, undir riufa.“
( Bei Dänen und Balten sind teure Hallen, andere Reichtümer, wie du hast;
die können wohl Kiele reiten, Eggen handhaben zu Wunden verwenden.“
Ende
Nachwort
( Nachwort: die Krähe in diesem Mythus offenbart den streitbaren Geist des Kriegers um Beutegut beim Nachbarvolk.)
Infobox: Der Adel in der Rigs Thula
Im dritten Teil der Rigs Thula wird die Entstehung des höchsten der drei dargestellten Stände beschrieben: des Adels.
RIG gelangt zu einem wohlhabenden Paar, das im Text als Fadir und Modir – Vater und Mutter – bezeichnet wird. Ihre Lebenswelt unterscheidet sich deutlich von jener der Knechte und Freien. Kleidung, Speisen, Waffen und Hausrat weisen auf größeren Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen hin.
Aus dieser Verbindung wird Jarl geboren. Das altnordische Wort jarl bezeichnet einen hochgestellten Adeligen oder Fürsten und entspricht in seiner späteren Bedeutung ungefähr dem englischen Earl.
Jarl wird von Jugend an in typisch aristokratischen Tätigkeiten geschult:
Reiten
Bogenschießen
Umgang mit Schild und Schwert
Jagd
Kriegführung
Herrschaft über Land und Besitz
Eine besondere Rolle spielt außerdem das Runenwissen. RIG begegnet Jarl erneut und unterweist ihn in den Runen. Damit erscheint Wissen neben Waffenfähigkeit und Besitz als weiteres Kennzeichen der Herrschaft.
Später tritt Konr ungr auf. Der Name wird häufig mit dem altnordischen Ausdruck für einen „jungen Konr“ beziehungsweise mit einem Wortspiel zur Bezeichnung des Königs in Verbindung gebracht.
Konr ungr beherrscht nach dem Gedicht besondere Runen und außergewöhnliche Fähigkeiten. Er kann unter anderem Männer retten, Waffen unschädlich machen, das Meer beruhigen und mit Vögeln in Verbindung treten.
Am Ende fordert eine Krähe ihn auf, sich nicht länger mit der Vogeljagd zu beschäftigen, sondern sich größeren kriegerischen Aufgaben zuzuwenden. Damit führt das Gedicht von der Abstammung des Adels schließlich zum Bild des Herrschers und Kriegers.
Die drei Stände der Rigs Thula
Teil I: Knechte
Teil II: Freie
Teil III: Adel
Die Rigs Thula erklärt diese gesellschaftliche Ordnung in Form einer mythischen Abstammungsgeschichte, in der RIG nacheinander die Stammväter der drei Gruppen hervorbringt.






