Zwischen Sage, Sturmflut und den wiederentdeckten Spuren einer versunkenen friesischen Landschaft
Im 17. Jahrhundert schrieb der nordfriesische Pastor und Chronist Anton Heimreich, dass die reichen Bürger von Rungholt im Übermut ein Schwein betrunken machten und es in ein Krankenbett zugedeckt legten. Dann riefen sie den Dorfpfarrer zur letzten Segnung hinzu. Als dieser den Betrug entdeckte, verfluchte er die ganze spottende Dorfgemeinde, die dann in einer einzigen Nacht vom Meere verschlungen wurde. Spätere Sagen berichten von den selbstsüchtigen reichen Bürgern, die ihre glatten Wege im Winter sogar mit Mehl bestreuten usw.
Dem 1883 geborenen nordfriesischen Bauern Andreas Busch wurden Watt-Anomalien auffällig, und er machte während der kurzen Ebbe-Zeiten über Jahre hinweg allerlei Entdeckungen. Diese zeigte er einer Forschergruppe, die im Mai 2022 mit einem Messwagen das Wattenmeer vermessen kam, die Stelle vor der Hallig Südwall, wo er das versunkene Rungholt vermutete.
Die Sensoren des Messgerätes konnten winzige Abweichungen im Magnetfeld des Bodens feststellen. Tatsächlich zeigte der Bildschirm plötzlich ein großes Rechteck von 40 × 15 Metern mitten im Schlick an, wo über 600 Jahre die Nordseewellen hinüberrauschten. Es war das steinerne Fundament der großen Kirche von Rungholt, wonach bisher Jahrhunderte vergeblich gesucht wurde!
1882 dichtete Detlef von Lilienkrohn darüber die Ballade „Trutz, Blanke Hans!“ (*Beiname der Nordsee) und die Verse des späteren Volksliedes: „Heut sind wir über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor 500 Jahren …“
Abermals erklärten kluge Leute, dass Rungholt nie existiert hätte und alles nur ein Märchen sei. Doch im Stadtarchiv Hamburg nennt ein Testament den Namen Rungholt erstmalig im Jahre 1345. Ein anderes Dokument erzählt, dass am 1.5.1361 Kaufleute aus Rungholt mit Hamburger Kaufleuten einen Vertrag geschlossen hatten.
Auch im Erbbuch des dänischen Königs Waldemar (herrschte im 13. Jahrhundert auch über weite Teile Frieslands) wird erwähnt, dass die Edomsharde, wo Rungholt lag, auffallend hohe Steuern entrichtete. Ein Indiz für dessen Reichtum.
Edomsharde war ein Verwaltungsbezirk auf der damaligen Insel „Strand“ westlich des heutigen „Neustrand“. Was die Forscher dort in 9 Jahren fanden und feststellten, erinnert an die Berichte der Ura-Linda-Chronik (siehe unsere Artikel darüber).
Es wurden 64 Warften (kleine erhöhte Erdburgen) auf rund 10 qkm dem Schlick abgerungen. Entwässerungs-Gräben, Ackerfluren, hölzerne Reste von zwei Schleusen, 100 Brunnen. Das heutige Watt war damals MARSCHLAND voller Wassergräben, fruchtbarer Felder, weiten Weidelandes, eines Seedeichs mit Hafen an einer Schleuse und zwei kleineren Kirchen.
Man fand eine zwei Kilometer lange Kette von Warften (Siedlungshügel), wie es die Ura-Linda-Chronik berichtete, beinahe 200 Jahre vor dieser Ausgrabung. Die große Kirche ist ein Indiz der reichen Bevölkerung, mit ihren Zier-Backsteinen, und ähnelt der Kirche von Breklum selbigen Jahrhunderts auf dem nur wenige Kilometer entfernten Festland.
Rungholts Einwohnerzahl wird auf über 1300 Seelen geschätzt, und das in einer Zeit, wo Kriege und Pest die Menschheit enorm reduzierten. 30 % der gefundenen Keramik stammten aus Skandinavien und dem Rheinland, und das schürte den Neid gegen sie.
Schließlich erzählten Gottesfürchtige, dass sie Gottesstrafe wegen ihres Hochmuts in einer einzigen Nacht vom Meere verschlingen ließ. Zur Abschreckung erklärte man damals alle Naturkatastrophen wie auch die Sintflut.
Die wissenschaftliche Erklärung kam dieser Erklärung sogar sehr nahe. Bohrkern-Proben von Edomsharde belegen, dass dort große Moorflächen waren. Nordseestürme drangen tief ins Moor ein und tränkten den Torf mit Salz. Dieser Salz-Torf wurde gestochen, getrocknet und zur Asche verbrannt. Mit Meerwasser wurde dann aus dieser Asche eine starke Salzlösung gewonnen und in Pfannen eingekocht.
Und dieses Salz zum Konservieren von Fisch und Fleisch machte Rungholt sehr reich. Unter dem abgebauten Torf entstanden die weiten Getreide- und Weidefelder im fruchtbaren Marschboden. Der Torfabbau senkte das Land hinter den Deichen.
„Tust du nicht deichen – musst du weichen!“
Dieser alte Friesenspruch wurde Rungholt zum Verhängnis. Also auch die Gier nach mehr Reichtum.
Am 16. Januar 1362 kam von England eine Sturmflut größten Ausmaßes und brach die Deiche Nordfrieslands und überflutete 44 Kirchspiele. Chronisten berichten von 10.000 ertrunkenen Küstenbewohnern, und die Flutwelle ergoss sich in die abgebauten Torfmoore.
Die Äcker und Weiden wurden unterspült, und das Meerwasser konnte nicht mit der Ebbe wieder ins Meer zurückfließen, denn die einsackenden Wiesen verstopften die Abwässer-Gräben zusätzlich.
Wer sich auf den Warften noch retten konnte oder auf einzelne Häuserdächer, sah die zweite Flutwelle kommen, die Rungholt an einem einzigen Tag tatsächlich für ewig verschluckte.
Für uns bewahrheitete sich abermals einer Sage wahrer Kern.
(Rahula)
Die Ballade „Trutz, Blanke Hans!“
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt versank vor 600 Jahren!
Dort schlagen die Wellen, die wild und empört,
wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
aus dem Wasser rief es unheimlich und höhnte:
TRUTZ, BLANKE HANS!
Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
liegen die friesischen Inseln in Frieden,
und Zeugen weltenvernichtender Wut,
taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsendem Watte,
der Seehund sonnt sich auf sandiger Platte.
TRUTZ, BLANKE HANS!
Rungholt ist reich und wird immer reicher,
kein Korn mehr fasst selbst der größte Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom
staut hier alltäglich der Menschenstrom.
Die Sänfte tragen Syrer und Mohren,
mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
TRUTZ, BLANKE HANS!
Auf allen Märkten, auf allen Gassen,
lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehen am Abend hinaus auf den Deich:
„Wir trotzen dir, Blanker Hans, Nordsee-Teich!“
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
zieht langsam aus dem Schlamm der Krake die Krallen!
TRUTZ, BLANKE HANS!
Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
belächelt der protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzet bis zu Norwegens Riffen
das Meer wie scharfer Stahl geschliffen.
TRUTZ, BLANKER HANS!
Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich, wie ein Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief
und schloss die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
kommen wie rasende Rosse geflogen.
TRUTZ, BLANKE HANS!
Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
und Hunderttausende sind ertrunken!
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
schwamm andern Tags der stumme Fisch!
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt versank vor 600 Jahren.
(Gekürzter Text von: Detlef Lilienkrohn 1882. Die altgermanische Beschreibung der Midgardschlange (Krake), die am Meeresboden Gezeiten und Fluten auslöst, wurde nur aus Platzgründen fortgelassen.)
Buddhistischer Schlussgedanke
☸ Nichts Zusammengesetztes bleibt
Rungholt erinnert daran, wie vergänglich selbst Wohlstand, Häuser, Felder und ganze Landschaften sind.
In der buddhistischen Lehre gehört diese Vergänglichkeit – anicca – zu den grundlegenden Merkmalen des Daseins. Was entsteht, verändert sich und wird eines Tages vergehen.
Gerade deshalb liegt der Wert unseres Lebens nicht allein darin, immer mehr anzuhäufen, sondern darin, bewusst mit dem umzugehen, was uns für eine begrenzte Zeit anvertraut ist.
Wer Vergänglichkeit erkennt, lernt nicht das Leben geringzuschätzen, sondern den gegenwärtigen Augenblick umso mehr zu achten.
Weiterführende Literaturtipps
Anton Heimreich: „Nordfriesische Chronik“ – eine historische Quelle zur Geschichte Nordfrieslands und zu den Überlieferungen rund um Rungholt.
Detlev von Liliencron: „Trutz, Blanke Hans“ – die berühmte literarische Verarbeitung der Rungholt-Sage und der zerstörerischen Gewalt der Nordsee.
Literatur zur Großen Mandränke von 1362 und zur nordfriesischen Küstenarchäologie – empfehlenswert zur Vertiefung der historischen, geologischen und archäologischen Hintergründe des untergegangenen Siedlungsraums.






