Die geheimnisvolle Frau von Bad Dürrenberg
Die Saale entspringt im Fichtelgebirge und durchzieht auf ihrem Weg nach Norden Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Seit vorgeschichtlicher Zeit war das Gebiet um den Fluss für Menschen von besonderer Bedeutung.
Ein Grund dafür war das Salz.
An verschiedenen Stellen gelangte salzhaltiges Wasser aus tieferen Erdschichten an die Oberfläche. Salz war lebenswichtig: zur Konservierung von Fleisch und Fisch, für die Vorratshaltung und später auch als begehrtes Handelsgut.
So entstanden entlang der Saale bereits früh bedeutende Siedlungsräume.
Doch einer der ungewöhnlichsten Funde wurde 1934 gemacht.
Ein Grab unter dem Kurpark
Bei Arbeiten in Bad Dürrenberg stießen Arbeiter auf eine mit rotem Ocker gefüllte Grabgrube.
Darin befand sich das Skelett einer Frau.
Bei ihr lagen die Überreste eines kleinen Kindes.
Die Bestattung stammt aus der Mittelsteinzeit und ist ungefähr 9.000 Jahre alt.
Spätere Untersuchungen machten den Fund noch außergewöhnlicher.
Die Frau war mit zahlreichen Grabbeigaben bestattet worden: Tierzähnen, Knochen, Geweihstücken und weiteren Gegenständen.
Aufgrund dieser ungewöhnlichen Ausstattung wurde sie häufig als Schamanin von Bad Dürrenberg bezeichnet.
Roter Ocker – Farbe des Lebens
Roter Ocker gehört zu den ältesten Farbstoffen der Menschheit.
Bereits in sehr alten Bestattungen wurde er verwendet.
Seine Farbe erinnert an Blut und wurde deshalb möglicherweise mit Leben, Wiedergeburt oder Übergang verbunden.
Welche genaue Bedeutung der Ocker für die Menschen von Bad Dürrenberg hatte, können wir heute nicht mehr sicher sagen.
Doch seine bewusste Verwendung zeigt:
Diese Bestattung war mehr als das bloße Beisetzen eines Körpers.
Sie war ein Ritual.
Federn, Zähne und Geweih
Bei modernen Nachuntersuchungen wurden winzige Spuren gefunden, die auf einen aufwendigen Kopfschmuck hindeuten.
Tierische Materialien spielten offenbar eine wichtige Rolle.
Zähne, Geweih und möglicherweise Federn könnten Status, Schutz oder eine besondere religiöse Funktion symbolisiert haben.
Aus vielen Kulturen kennen wir die Vorstellung, dass bestimmte Eigenschaften eines Tieres auf den Träger eines Gegenstandes übertragen werden:
die Stärke des Hirsches,
die Wachsamkeit des Vogels,
die Wehrhaftigkeit eines Raubtiers.
Ob die Frau von Bad Dürrenberg tatsächlich als Schamanin im heutigen Sinn bezeichnet werden kann, bleibt eine wissenschaftliche Interpretation.
Ungewöhnlich war ihre Stellung innerhalb ihrer Gemeinschaft jedoch offensichtlich.
Infobox – Die Frau von Bad Dürrenberg
Die Bestattung gehört zu den bedeutendsten mesolithischen Gräbern Mitteleuropas.
Die Bezeichnung „Schamanin“ ist eine moderne Interpretation der reichen und ungewöhnlichen Grabbeigaben.
Der Fund zeigt eindrucksvoll, dass bereits steinzeitliche Gemeinschaften komplexe Rituale und soziale Rollen besaßen.
Salz – das weiße Gold
Auch die Landschaft selbst könnte zur Bedeutung des Ortes beigetragen haben.
Salz war früher ungleich wertvoller als heute.
Es konservierte Lebensmittel und ermöglichte Vorratshaltung über längere Zeit.
Noch in historischen Zeiten entstanden wegen wertvoller Salzquellen politische und militärische Konflikte.
Die zahlreichen Ortsnamen mit „Hall“ werden häufig mit der Geschichte der Salzgewinnung in Verbindung gebracht.
So trafen an der Saale zwei Dinge zusammen:
eine wertvolle Landschaft und eine offenbar außergewöhnliche Frau.
Schlussgedanke
Vielleicht war die Frau von Bad Dürrenberg Heilerin.
Vielleicht war sie Seherin.
Vielleicht besaß sie eine religiöse Funktion, für die unsere heutigen Begriffe nicht mehr ausreichen.
Sicher ist nur:
Vor ungefähr 9.000 Jahren wurde sie mit außergewöhnlicher Sorgfalt bestattet.
Und allein dadurch spricht ihr Grab bis heute.
Literaturtipps
Landesmuseum für Vorgeschichte Halle – Veröffentlichungen zur Schamanin von Bad Dürrenberg
Literatur zum europäischen Mesolithikum
Studien zu steinzeitlichen Bestattungsritualen
Fachliteratur über Ocker in prähistorischen Kulturen
Veröffentlichungen zur Salzgeschichte Mitteldeutschlands






