Rätselhafte Steinbauten unter unseren Seen
Am 22.8.2015 fuhr ein Forschungsschiff vor dem Ufer des Bodensees bei Bottighofen, Kanton Thurgau (Schweiz), zu Vermessungsarbeiten.
Hierbei erfasste der Bildschirm des Fächerecholots auf dem Grund des Sees eine Reihe auffälliger Steinformationen.
Was zunächst wie eine geologische Besonderheit erschien, entwickelte sich zu einem archäologischen Rätsel.
Schließlich wurden rund 170 solcher „Hügeli“ entlang des Schweizer Bodenseeufers bekannt.
Ihre Anordnung war auffällig regelmäßig.
Die Steinsetzungen liegen wie an einer Perlenschnur entlang des Ufers und haben Durchmesser von ungefähr 15 bis 30 Metern.
1. Die „Hügeli“ im Bodensee
Anfangs wurde auch erwogen, ob die Gebilde durch natürliche Vorgänge während oder nach der letzten Eiszeit entstanden sein könnten.
Spätere Untersuchungen ergaben jedoch Hinweise darauf, dass die Steine von Menschen aufgeschüttet wurden.
Damit begann die eigentliche Frage:
Wer errichtete diese gewaltigen Steinsetzungen – und wozu?
Bei Untersuchungen wurden neben den Steinen auch Holzreste beziehungsweise bearbeitete Hölzer gefunden.
Radiokarbon-Datierungen weisen darauf hin, dass zumindest untersuchte Anlagen ungefähr 5.500 Jahre alt sein könnten.
Damit reichen sie bis in die Jungsteinzeit zurück.
Die Anlagen wären also nicht jünger als die bekannten Pfahlbaukulturen des Alpenvorlandes, sondern gehören in eine Zeit, in der Menschen an den Seeufern bereits siedelten, Landwirtschaft betrieben und große Gemeinschaftsarbeiten bewältigen konnten.
2. Kein gewöhnlicher Steinhaufen
Das Erstaunliche besteht nicht allein im Alter.
Die Steinsetzungen erscheinen in einer langen Reihe und weisen wiederkehrende Größenordnungen auf.
Damit stellt sich die Frage, ob sie einem gemeinsamen Plan folgten.
Waren es Markierungen?
Schutzbauten?
Arbeitsplattformen?
Reste unbekannter Uferanlagen?
Begräbnisplätze?
Oder besaßen sie eine kultische Bedeutung?
Die Forschung kann diese Frage bislang nicht sicher beantworten.
Gerade dieses Nichtwissen macht die Bodensee-Hügeli so faszinierend.
3. Hügel Nr. 47 und die Idee eines Gestirns-Heiligtums
In privaten Berichten über die Anlagen nimmt ein besonders großer Hügel eine herausragende Stellung ein.
Ein Taucher soll dort auffällige Strukturen beobachtet haben. Außerdem wird von einer besonderen geometrischen Ausrichtung mehrerer Steinsetzungen berichtet.
Nach dieser Interpretation sollen zwei Linien durch untersuchte Hügel verlaufen und sich an einem zentralen Punkt schneiden.
Eine der Linien wird dabei mit der Nord-Süd-Richtung in Verbindung gebracht, die andere mit dem Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende.
Sollte eine solche astronomische Ausrichtung eines Tages durch unabhängige Vermessungen bestätigt werden, wäre dies außerordentlich interessant.
Denn dann könnte man tatsächlich darüber nachdenken, ob die Steinsetzungen neben praktischen Funktionen auch der Beobachtung von Sonne, Jahreszeiten und Kalenderzyklen dienten.
Der Vergleich mit Stonehenge drängt sich dabei natürlich auf.
Doch bislang bleibt diese Deutung eine Hypothese.
4. Ein „Stonehenge im Bodensee“?
Der Ausdruck klingt spektakulär.
Tatsächlich wurde der Vergleich mit Stonehenge auch im Zusammenhang mit den Bodensee-Hügeln immer wieder verwendet.
Doch Stonehenge und die Bodensee-Anlagen sind nicht einfach miteinander gleichzusetzen.
Gemeinsam ist ihnen zunächst nur die grundsätzliche Frage, warum Menschen der Vorzeit enorme Arbeitskraft aufwendeten, um große Mengen von Stein nach einem erkennbaren Muster anzuordnen.
Vielleicht erfüllten die Anlagen mehrere Aufgaben zugleich.
Bei vorgeschichtlichen Bauwerken müssen sich Religion, Kalender, Versammlungsort, Erinnerungskultur und praktische Nutzung nicht gegenseitig ausschließen.
5. Wie viele Hände waren nötig?
Besonders eindrucksvoll wird das Rätsel, wenn man sich die Arbeit hinter den Anlagen vorstellt.
Ein einzelner größerer Hügel besteht aus einer gewaltigen Menge von Steinen.
Jeder einzelne musste gesammelt, bewegt und an den vorgesehenen Ort gebracht werden.
Wenn die Anlagen tatsächlich im flachen Wasser oder unmittelbar an der damaligen Uferzone entstanden, war die Aufgabe zwar leichter als eine Errichtung in der heutigen Wassertiefe.
Trotzdem handelte es sich um ein Gemeinschaftsprojekt beträchtlichen Ausmaßes.
Das verändert auch unseren Blick auf die Menschen der Jungsteinzeit.
Wir sollten sie uns nicht als vereinzelte primitive Fischer vorstellen.
Wer solche Anlagen errichtete, musste Arbeit organisieren, Menschen koordinieren und ein gemeinsames Ziel über längere Zeit verfolgen können.
6. Der Wasserspiegel war damals ein anderer
Ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis liegt im Bodensee selbst.
Die heutigen Steinsetzungen befinden sich unter Wasser.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Erbauer damals tauchend Stein auf Stein legten.
Der Wasserspiegel und die Uferlinie des Bodensees haben sich über Jahrtausende verändert.
Archäologen gehen deshalb davon aus, dass sich zumindest ein Teil dieser Bereiche zur Bauzeit in wesentlich flacherem Wasser beziehungsweise näher an der damaligen Uferzone befand.
Damit verliert das Rätsel nichts von seiner Bedeutung.
Es verändert lediglich die Frage:
Nicht mehr „Wie bauten Menschen tief unter Wasser?“, sondern:
„Warum schütteten jungsteinzeitliche Gemeinschaften entlang des Bodensees eine kilometerlange Reihe gewaltiger Steinanlagen auf?“
7. Berichte über weitere Unterwasser-Anlagen
In dem uns vorliegenden Bericht werden noch weitere außergewöhnliche Beobachtungen aus Mitteleuropa beschrieben.
Genannt werden der Starnberger See, der Attersee sowie der Fluss Ljubljanica in Slowenien.
Auch dort sollen regelmäßig angeordnete Steinstrukturen unter Wasser entdeckt worden sein.
Sollten solche Anlagen tatsächlich nach denselben Kriterien untersucht und ähnlich datiert werden können, wäre ein Vergleich außerordentlich interessant.
Dann müsste man die Frage stellen, ob im Alpenvorland eine wesentlich größere Tradition monumentaler Steinsetzungen existierte, als wir heute erkennen.
Für diese weitergehenden Angaben benötigen wir jedoch belastbare archäologische Veröffentlichungen, bevor daraus eine gemeinsame prähistorische Kultur abgeleitet werden kann.
8. Die Geschichte von Elmar Vogt
In privaten Überlieferungen über die Bodensee-Hügel wird auch von einem pensionierten Uhrmacher namens Elmar Vogt aus Kreuzlingen berichtet.
Er soll eigens das Tauchen erlernt und über Jahre hinweg zahlreiche Unterwasserobjekte vermessen und fotografiert haben.
Besonders seine geometrischen Beobachtungen sollen ihn zu der Überzeugung gebracht haben, dass bestimmte Hügel astronomisch ausgerichtet gewesen seien.
Weiter wird erzählt, Originalfotografien seien zur Begutachtung an Institutionen übergeben worden und später nicht mehr auffindbar gewesen.
Auch werden sein späterer Tod und Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Anerkennung der Untersuchungen geschildert.
Solange dafür keine überprüfbaren Originalunterlagen oder unabhängigen Quellen vorliegen, sollte dieser Teil jedoch als Bericht und nicht als nachgewiesener Vorgang behandelt werden.
9. Sarah Fedder und rätselhafte Datierungen
Der Bericht nennt außerdem eine Geologin beziehungsweise Doktorandin namens Sarah Fedder.
Sie soll organische Proben aus einer der Steinsetzungen untersuchen lassen haben.
Dabei werden Radiokarbon-Datierungen von ungefähr dreieinhalb Jahrtausenden genannt und weitere Kontrollmessungen in anderen Laboren beschrieben.
Auch von Schwierigkeiten bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und ihrem späteren beruflichen Werdegang wird berichtet.
Gerade bei solch außergewöhnlichen Aussagen gilt jedoch:
Eine Radiokarbon-Datierung eines Holzstückes oder Knochens datiert zunächst das untersuchte organische Material, nicht automatisch die gesamte Steinsetzung.
Fundzusammenhang, Sedimentlage und eine nachvollziehbare Dokumentation sind deshalb entscheidend.
10. Unterdrückte Forschung – oder wissenschaftliche Vorsicht?
Damit kommen wir zu einem schwierigen Punkt.
Wenn eine ungewöhnliche Entdeckung nicht sofort anerkannt wird, entsteht schnell der Eindruck:
„Das darf nicht sein, deshalb wird es unterdrückt.“
Wissenschaft funktioniert allerdings häufig langsamer und nüchterner.
Außergewöhnliche Ergebnisse werden überprüft, wiederholt und von anderen Forschern kritisch hinterfragt.
Das kann frustrierend wirken.
Es ist aber notwendig, wenn aus einer interessanten Beobachtung eine belastbare historische Erkenntnis werden soll.
Der spannendere Weg besteht deshalb nicht darin, vorschnell eine Verschwörung anzunehmen.
Viel interessanter ist:
Welche der außergewöhnlichen Behauptungen lassen sich durch unabhängige Vermessungen, Originalfunde und Datierungen tatsächlich bestätigen?
11. 5.500 Jahre Vergangenheit unter Wasser
Bei den Bodensee-Hügeln brauchen wir keine Verschwörung, um eine erstaunliche Geschichte zu erzählen.
Die nachgewiesenen Befunde sind bereits bemerkenswert genug.
Vor ungefähr fünfeinhalb Jahrtausenden lebten Menschen am Bodensee, die offenbar in der Lage waren, große Steinmengen zusammenzutragen und planmäßig anzuordnen.
Heute liegen ihre Werke unter dem Wasser.
Wir kennen ihre Namen nicht.
Wir kennen ihre Sprache nicht.
Und wir wissen bislang nicht einmal sicher, warum sie diese Anlagen bauten.
Aber ihre Steine liegen noch dort.
12. Welche Alpenvorland-Kultur errichtete sie?
Damit bleibt die wichtigste Frage bestehen:
Welche Menschen errichteten diese Anlagen – und welches Weltbild stand dahinter?
Waren es praktische Bauwerke?
Grenzmarkierungen?
Versammlungsplätze?
Erinnerungsstätten?
Kultplätze?
Oder hatten Sonne und Jahreskreis tatsächlich eine Bedeutung?
Vielleicht beantworten künftige Untersuchungen einige dieser Fragen.
Vielleicht bleiben manche für immer offen.
Und vielleicht liegt gerade darin der Reiz unserer geheimen Heimatkunde:
Direkt vor unserer Haustür können noch heute Zeugnisse einer Welt liegen, deren Bedeutung wir längst vergessen haben.
Ein alter Fischerhinweis
Zum Ende unseres Berichtes findet sich noch eine schöne Überlieferung.
In einem Konstanzer Handelsbuch von 1523 soll ein Fischer namens Hans Köbler über Steinberge unter Wasser bei Bottighofen berichtet haben.
Den Alten wird dabei der Satz zugeschrieben:
„Die waren schon immer dort!“
Ob sich dieser Eintrag im Original bestätigen lässt, wäre eine eigene heimatkundliche Suche wert.
(Rahula)
Infobox: Was über die Bodensee-Hügeli tatsächlich bekannt ist
Die geheimnisvollen Steinsetzungen im Bodensee sind keine Erfindung.
Bei der Neuvermessung des Bodensees wurden 2015 entlang des Schweizer Ufers ungefähr 170 flache Steinsetzungen entdeckt. Untersuchungen sprechen deutlich dafür, dass zumindest die erforschten Strukturen von Menschen geschaffen wurden.
Radiokarbon-Untersuchungen an zugehörigem Holz weisen in die Zeit um 3500 v. Chr., also ungefähr 5.500 Jahre zurück.
Ihr Zweck ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Diskutiert werden unter anderem praktische Anlagen, Denkmäler, kultische Plätze, Fischfang, Uferschutz und andere Funktionen.
Auch eine Kalender- oder astronomische Deutung wurde vorgeschlagen, ist bislang aber nicht nachgewiesen.
Wichtig für unseren Beitrag
Die realen Bodensee-Funde sollten von weitergehenden Behauptungen unterschieden werden.
Für angeblich verschwundene Forschungsunterlagen, gezielte politische oder religiöse Unterdrückung, identische Anlagen in vier Ländern und verschiedene im Text genannte Personen und Datierungsberichte liegen uns derzeit keine ausreichend überprüfbaren Quellen vor.
Gerade deshalb lohnt es sich, die Geschichte weiterzuverfolgen.
Denn das gesicherte archäologische Rätsel ist bereits außergewöhnlich genug.
Literaturtipps zur weiterführenden Lektüre
1. „Hügeli“ im Bodensee – archäologische Untersuchungen
Fachliteratur über die Steinsetzungen zwischen Romanshorn und Bottighofen und ihre Datierung.
2. Archäologie der Pfahlbauten im Alpenraum
Zur Besiedlung der Seenlandschaften in Jungsteinzeit und Bronzezeit.
3. Unterwasserarchäologie
Über Methoden der Vermessung, Sonartechnik, Sedimentbohrungen und Dokumentation versunkener Fundplätze.
4. Jungsteinzeit im Alpenvorland
Zur Lebensweise der Menschen, die vor mehr als 5.000 Jahren rund um die Alpenseen lebten.
5. Archäoastronomie
Zur wissenschaftlichen Untersuchung möglicher astronomischer Ausrichtungen vorgeschichtlicher Bauwerke.
6. Stonehenge und europäische Monumentalbauten
Zum Vergleich mit anderen Großprojekten jungsteinzeitlicher Gemeinschaften.
7. Radiokarbon-Datierung in der Archäologie
Zur Frage, was eine C14-Messung tatsächlich datiert und welche Grenzen sie besitzt.
8. Geschichte des Bodensees
Zur Veränderung von Uferlinien, Wasserständen, Siedlungen und Kulturlandschaften seit der letzten Eiszeit.






