RIGS THULA Teil II

Bodhi Svaha! Sadhu!

Entstehung des 2. Standes: der Freien

Einführung

Im zweiten Teil der Rigs Thula wird die Entstehung des zweiten Standes, der Freien, geschildert. RIGR setzt seine Wanderung fort und gelangt zu einem Haus, in dem ein arbeitsames Ehepaar lebt. Wieder verweilt der göttliche Wanderer drei Nächte bei seinen Gastgebern.

Neun Monate später wird ein Kind geboren, aus dessen Nachkommenschaft schließlich das Geschlecht der Freien hervorgeht. Die folgenden Strophen schildern dabei nicht nur Abstammung und Familiengründung, sondern auch Tätigkeiten wie Viehzucht, Ackerbau, Hausbau, Schmiedearbeit und Handwerk.

Damit zeichnet dieser Abschnitt ein Bild jener Menschen, die durch Arbeit, Besitz, Familie und selbstständiges Wirtschaften ihren Platz innerhalb der überlieferten Ständeordnung erhalten.


14

Gekk RIGR at dat rettar brautir; kom hann at hollo , hurd war a skidi;
inn nam at ganga, eldr war a golfi; hion sato dar, heldo a syslo.

( Ging RIG von dort rechten Pfades; kam an Halle, offen war der Riegel;
er nahm den Eingang, Feuer war auf Diele, Ehegatten saßen dort, hell beschäftigt.)


15

Madr telgdi das meid til rifiar; war skegg skapat, skor war fyrir enni,
skyrto drongwa; skokkr war a golfi.

( Mann schälte die Web-Stange; war Bart geschabt, geschoren war Stirn-Haar,
Schürze gedrungen; Schrein war auf Dielenboden.


16

Sat dar kona, sweigde rokk, breiddi fadim, bio til wadar.
Sweigr war a hofdi, smokkr war a bringo, dukr war a halsi, dwerga a oxiom.
Afi ok Ama atto hus,

( Saß dort Frau, webte Rocken, breitete Fäden erbauend zum Gewand.
Verschleiert war ihr Haupt, Schmuck war auf Brustkorb, Tuch am Halse, Fransen an Achseln. Opa und Oma hatten das Haus.)


17.

RIGR kunni deim rad at segia; reis fra bordi, red at sofna;
meir laggdiz hann mirer rekkio, en a hlid hwara hion salkynna.

( RIG konnte denen Rat sagen, erhob vom Tische, bereit zu Schlafen;
dann lag er mitten des Bettes, und zur Flanke waren Eheleute, Saalherren.)


18

Dar war hann at driar nätir saman; gekk hann meir at dat midrar brautar.
Lido meir at dat manudr nio.

( Dort waren sie drei Nächte zusammen; ging er weiter auf Mitte des Pfades.
Verstrichen weiter der Monate neun.


19.

Iod ol Amma, ioso watni, kollodo Karl, kona sweip ripti,
raudan ok riodan, ridodo augo.

( Erben gebar Oma, geweiht mit Wasser, gerufen Freiherr, Frauengewand verhüllt
rot und purpur, geschlitzte Augen.


20

Hann nam waxa ok wel dafna; öxn nam at temia, ardr at görwa,
hus at timbra ok hlodor smida, kärta at görwa ok keyra plog.

( Er nahm Wachstum auf und wohl gedeihen; Ochsen macht er zahm, Erde er machte,
Haus er zimmerte und errichtete Schmiede, Karren er verfertigte flinke Pflüge.)


21

Heim oko da hanginluklo, geitakyrtlo, gipto Karli;
Snör heitir su; settiz undir ripti: biuggo hion, bauga deildo.

( Heim führten da im Geißenkittel, Verlobte Karls;
Schwiegertochter hieß sie; saß unter Schleier; wohnten ehelich, Ringe teilend.)


22

Born olo dau, biuggo ok undo; het : Halr ok Drekkr, Heldr ok Dikkr, Smidr, Breidr, Bondi, Bundinskeggi, Bui ok Boddi, Brattskeggr ok Seggr.

( Kinder alle ihre erzogen und gewünscht, hießen: Halter und Tränker, Held und Dicker Schmied, Brauer, Pflüger, Steilbart, Bursche, Böttcher, Garbenbart und Sämann.)


23

Enn heto swa odrom nofnom: Snot, Brudi, Swanni, Swarri, Spakki, Fliod, Sprund, Wif, Feima, Ristill. Dadan ero komnar karla ättir.

Ferner hießen weibliche andere Namen: Klug, Braut, Schwan, Sittsame, Stolze, Flinke, Spröde, Weibliche, Zarte, Tüchtige. Davon sind gekommen die Freien Geschlechter.

Redaktionelle Hinweis

Im ersten Teil der Rígsþula wurde die Entstehung des untersten Standes, der Knechte und Unfreien, geschildert. Nun setzt Ríg seine Wanderung fort und gelangt zu einem weiteren Haus.

Dort trifft er auf Afi und Amma, „Großvater“ und „Großmutter“. Ihr Haushalt erscheint bereits geordneter, wohlhabender und handwerklich geprägt. Es wird gesponnen, gewebt, Holz bearbeitet und ein eigener Hausstand geführt.

Aus der Verbindung Rígs mit diesem Haus geht Karl hervor. Sein Name steht im Gedicht sinnbildlich für den freien Mann, insbesondere für den freien Bauern und selbständigen Hausbesitzer.

Karl lernt, Ochsen zu zähmen, Felder zu bestellen, Häuser und Scheunen zu bauen, Wagen herzustellen und den Pflug zu führen. Damit verkörpert er eine gesellschaftliche Schicht, die weder unfrei noch adelig ist, sondern durch eigenen Besitz, Arbeit, Handwerk und Selbständigkeit gekennzeichnet wird.

Mit seiner Frau Snör gründet Karl einen eigenen Hausstand. Aus ihren Kindern entstehen nach der Vorstellung des Gedichtes die Geschlechter der freien Männer.

Die Rígsþula zeichnet damit ein idealisiertes Bild der alten nordischen Gesellschaft, in der unterschiedliche soziale Gruppen durch Herkunft, Lebensweise, Arbeit und Besitz voneinander unterschieden werden.

Infobox: Die drei Stände der Rígsþula

Die Rígsþula erklärt die Entstehung der Gesellschaft in drei großen Gruppen. Diese Einteilung ist dichterisch und mythologisch zu verstehen und stellt keine genaue historische Gesellschaftsordnung dar.

1. Þræll – der Knecht

Der erste Stand entsteht aus Þræll und Þír.

Er steht für:

  • Knechte und Unfreie

  • körperlich schwere Arbeit

  • einfache Lebensverhältnisse

  • abhängige Arbeit für andere

Þræll gilt als Stammvater der unfreien Bevölkerung.

2. Karl – der freie Mann

Der zweite Stand entsteht aus Karl und Snör.

Karl steht für:

  • freie Bauern

  • Handwerker

  • selbständige Hausbesitzer

  • Viehzucht

  • Ackerbau

  • Haus- und Scheunenbau

  • Herstellung von Wagen und Geräten

Der Begriff Karl bedeutet hier nicht „Freiherr“, sondern bezeichnet allgemein einen freien Mann beziehungsweise freien Bauern.

Seine Familie bildet im Gedicht die „karla ættir“, die Geschlechter der freien Männer.

3. Jarl – der Vornehme

Im dritten Teil entsteht schließlich Jarl.

Er verkörpert:

  • die vornehme Oberschicht

  • Krieger und Gefolgschaftsführer

  • Besitz und Herrschaft

  • Waffenführung

  • gesellschaftliches Ansehen

Aus seiner Linie entwickelt sich im Gedicht später auch die Vorstellung königlicher Herrschaft.

Wichtig

Die Rígsþula beschreibt keine moderne Gleichheit der Menschen, sondern eine alte mythologische Vorstellung von gesellschaftlicher Ordnung.

Dabei werden die drei Gruppen durch typische Tätigkeiten und Lebensweisen voneinander unterschieden:

Þræll – arbeitet für andere.
Karl – besitzt und bewirtschaftet seinen eigenen Hof.
Jarl – herrscht, kämpft und führt.

Gerade dadurch ist die Rígsþula eine wichtige Quelle für die mittelalterliche Vorstellung von sozialer Ordnung im nordischen Kulturraum.

schon gelesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Artikel Empfehlungen

Ankommen im Hier und Jetzt. In unserer Gemeinschaft findest du Raum für Meditation und die Weisheit des Dharma. Gemeinsam gehen wir den achtsamen Schritt in Richtung Erleuchtung.

Abendländische-Buddhisten-Collegium e.V.

Info :