Unser Wort zum Sonntag XVIII – Am Sommergrab

Bodhi Svaha! Sadhu!

Ein stiller Besuch im Wald, Erinnerungen an die Verstorbenen und Gedanken über Wiedergeburt und fortdauernde Liebe

Letzten Sonntag suchten mein ältester Sohn und seine hübsche Ehefrau mit mir den stillen Waldfriedhof im Holland auf.

Es heißt ja:

„Frieden findet man nur auf dem Friedhof“

und das bewahrheitete sich in unserer heutigen Zeit.

Auf dem Waldfriedhof

Mir fiel auf, dass meine fleißige Schwieger-Tochter charakterlich immer mehr meiner verstorbenen Frau ähnelt.

Wie zielgerichtet jeder Handgriff von ihr durchdacht und durchgeführt wurde:

das Arrangement der Blumen und wie weitsichtig sie Wasserflaschen aus ihrer Tasche zaubert, um das zarte Grabbäumchen zu wässern und zur stillen Andacht Sitzplätze aus naheliegenden, losen Baum-Stumpfen heranzutragen.

Sie ist Schütze 1. Dekade und meine Frau Skorpion 3. Dekade, was ihre Wesensverwandtschaft erklären mag.

Die warmen Sonnenstrahlen fielen über den kleinen Biberteich in unsere Waldlichtung aufs Grab, als wüssten sie, dass meine Frau eine Sonnen-Anbeterin immer schon war.

Die trauernde Witwe

Etwas abseits von uns leuchtete die helle Gestalt einer trauernden Witwe durch Blättern am Abhang.

Sie weinte still und saß da wie eine griechische Statue.

Ihr Kleid passte nicht zu einem Waldspaziergang.

Vermutlich hatte sie es gewählt, weil ihr verstorbener Mann es einst am schönsten fand.

Irgendwann schaute sie zu uns mit leeren Augen hinüber und ging den Hang hinauf, der an uns vorbeiführte.

Sie sprach mit uns einige freundliche Worte auf Deutsch und sagte, dass sie aus unserer Nachbarstadt käme.

Es waren ehrliche Worte, die wir austauschten, so wie sie nur Menschen sprechen, die keine Kraft mehr zum sich verstellen finden.

Das abendliche Teelicht-Ritual

Daheim bei meinem abendlichen Teelicht-Ritual fragte ich meine verstorbene Frau, ob mein verstorbener Vater bereits wiedergeboren ist, weil ich an ihn kaum noch denke.

Da sprach sie in mein Herz:

„Es gibt in unsere Zeitunendlichkeit keine Eile.

Man inkarniert, sobald sich die selbstauferlegte Situation zeigt.

Das kann ein Jahrtausend sein, ein Jahrhundert oder kurz nach dem Abwerfen des physischen Körpers.

In guten Familien wird man meistens immer zurückkehren, mal als Enkelkind, mal als Geliebte, mal als Onkel und so fort.

Finde in unsere Familie eine Person, die jünger ist als deines Vaters Lebtag und dessen körperlichen oder seelischen Eigenschaften gleicht.

Vor allem aber achte alle Mitmenschen, als könnte es ein verstorbener Verwandter sein!“

Freude ohne Schuldgefühl

Das waren tröstende Worte und nun wollte ich wissen, ob es in ihrer jetzigen Welt auch wirklich schön ist und dass ich mich unwohl fühle, mit ihrer Rente gut zu leben.

Da antwortete sie telepathisch:

„Wir Verstorbenen freuen uns an euren Freuden. Warum denn nicht?“

Daraufhin sagte ich zu ihr:

„In unserer alten, grünen Gartenlaube stehen immer noch deine Garten-Klogs, wenn ich sie sehe, werde ich immer so traurig!“

Spontan tröstete sie mich mit den Worten:

„Du hast mich doch einmal im Träume gesehen, wo ich die Kleider und Handtasche trug, die ich bei dir hinterlassen habe?

Ich bin doch nicht nackt in dieser, meiner Welt.

Hier habe ich alles in feinstofflicher Form, was ich hinterließ und vermisse nichts.

Wir sind doch alle gütig aus dem universalen Geiste gewebt!“

Freiheit und Konsequenz

Neugierig fragte ich weiter, weil man ja nur so wenig über die andere Dimension erfährt, wie man ohne den körperlichen Computer namens Gehirn seine Entscheidung wägt.

Da sprach sie:

„Wir machen alles vollbewusst.

Wir kennen das Ende aller Optionen und unsere absolute Freiheit ist, eine davon zu ergreifen.

Aber ehrlich: Alle Möglichkeiten sind Wege voller Fallgruben und wir müssen deren Konsequenzen schon in Kauf nehmen.

Daran messen wir unsere Tugend.

Unsere Probleme in dieser Welt sind, dass wir keine haben.

Gleich so, als würden sich alle Eure Wünsche erfüllen!

Wie kann man ohne Schmerz wissen, was Glücklichkeit bedeutet?

Reine Atheisten irren verwirrt noch als Geister in der groben Materie oder solche, die posthypnotisch auf eine fleischliche Auferstehung in ihren Gräbern warten.

Wir hatten uns schon beizeiten auf unser garantiertes Ende vorbereitet.

Dies ist der Grund, der uns in die Reinkarnation wieder schnell vorantreibt!

Aber wir Beide erinnern uns dann auch im nächsten Leben auf Eden an Buddhas Austritt-Portal!“

Bei diesen Worten fühlte ich, wie sich mein Gesicht zum Lächeln formte.

(Euer Trauerklos)

Fazit und Gedanken für die Leser

„Am Sommergrab“ verbindet einen sehr persönlichen Friedhofsbesuch mit Gedanken über Trauer, Erinnerung, Wiedergeburt und die Frage, wie Verstorbene in unserem Leben gegenwärtig bleiben.

Aus dem Text lassen sich einige einfache Anregungen ableiten:

  • Ein Grab- oder Erinnerungsort darf nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch der Ruhe und Verbundenheit sein.
  • Persönliche Gegenstände können Erinnerungen auslösen; man muss sie nicht vorschnell entfernen.
  • Schuldgefühle darüber, nach einem Verlust wieder Freude zu empfinden, dürfen hinterfragt werden.
  • Begegnungen mit anderen Trauernden können besonders ehrlich und verbindend sein.
  • Der Gedanke, jeden Menschen so zu achten, als könnte er uns bereits einmal nahegestanden haben, lässt sich unabhängig vom persönlichen Glauben als Übung in Mitgefühl verstehen.

Vielleicht liegt gerade darin die stärkste Botschaft dieses Sonntagswortes: Erinnerung muss das Leben nicht festhalten – sie kann ihm wieder Wärme geben.

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