Unser Wort zum Sonntag XVI

Bodhi Svaha! Sadhu!

Der treue Husar – wenn Liebe über Abschied und Tod hinausreicht

Vorwort

Manche Orte begleiten uns ein Leben lang, ohne dass wir zunächst ahnen, welche Bedeutung sie eines Tages bekommen werden.

Ein Weg, den wir hundertmal gemeinsam gegangen sind. Ein Denkmal, an dem wir achtlos vorbeifahren. Blumen am Wegesrand, von denen wir eine pflücken und dem Menschen schenken, den wir lieben.

Erst wenn dieser Mensch nicht mehr neben uns ist, verändert sich der Ort.

Aus einem gewöhnlichen Weg wird ein Erinnerungsweg.

Aus einer Blume wird ein Gruß.

Und aus einem alten Lied über einen treuen Husaren wird plötzlich eine Geschichte über die eigene Liebe, die eigene Trauer und die Hoffnung, dass eine tiefe Verbundenheit nicht einfach mit dem Tod endet.

Die Krefelder „Tanzhusaren“

Krefeld besitzt eine besondere Verbindung zu den Husaren.

Eine bis heute erzählte Krefelder Geschichte berichtet von einem Besuch Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1902. Der Kaiser soll damals den jungen Damen der besseren Krefelder Gesellschaft versprochen haben, ihnen Leutnants beziehungsweise geeignete Tänzer nach Krefeld zu schicken. Aus dieser Geschichte entstand später der volkstümliche Name der „Tanzhusaren“. Historisch belegt ist, dass das 2. Westfälische Husaren-Regiment Nr. 11 nach Krefeld verlegt wurde und die Stadt anschließend eine große Kasernenanlage errichten ließ.

Am 2. April 1906 zog Kaiser Wilhelm II. schließlich an der Spitze seines Husaren-Regiments in die neue Krefelder Garnison ein. Mehr als 100.000 Zuschauer sollen das Ereignis verfolgt haben.

So bekam die Seidenstadt ihre Husaren.

Die schneidigen Reiter gehörten bald zum Stadtbild. Aus dem militärischen Regiment wurde gleichzeitig ein Stück Krefelder Stadtgeschichte – und aus den Soldaten wurden im Volksmund die Tanzhusaren.

Doch die Geschichte hatte auch ihre dunkle Seite.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs rückte das Regiment 1914 aus. Mehr als 300 Angehörige des Regiments kamen im Krieg ums Leben. An sie erinnert seit 1929 das Husarendenkmal auf dem Grafschaftsplatz nahe dem Krefelder Stadtwald.

Ein Denkmal auf unserem gemeinsamen Weg

Dieses Husarendenkmal war auch Teil unseres Lebens.

Mit meiner Frau fuhr ich abends häufig mit dem Fahrrad zum Tennisverein am Krefelder Stadtwald.

Unser Weg führte uns am Husarendenkmal vorbei.

Solange dort Blumen blühten, pflückte ich manchmal eine für meine Frau.

Es war keine große Sache.

Keine kostbare Rose aus einem Blumengeschäft.

Keine feierliche Zeremonie.

Nur eine kleine Blume am Wegesrand.

Und doch sagte diese Blume:

Ich denke an dich.

Ich freue mich, dass du neben mir bist.

Du gehörst zu meinem Leben.

Damals konnte ich nicht wissen, wie kostbar gerade diese scheinbar unbedeutenden Augenblicke einmal werden würden.

Als ich den Weg allein fuhr

Dann kam der Tod.

Und irgendwann fuhr ich denselben Weg wieder.

Doch diesmal war der Platz neben mir leer.

Das Husarendenkmal stand noch dort.

Der Stadtwald war noch da.

Der Weg war derselbe.

Die Blumen blühten.

Nur meine Frau fuhr nicht mehr neben mir.

Ich hielt an.

Und wie früher brach ich eine Blume.

Doch diesmal konnte ich sie ihr nicht mehr in die Hand geben.

Ich pflückte sie für sie.

Unter Tränen.

Menschen, die vorbeikamen, sahen vielleicht verwundert zu.

Sie konnten nicht wissen, was diese eine Blume bedeutete.

Sie sahen einen Mann vor einem Denkmal.

Ich aber sah einen gemeinsamen Weg.

Ich sah Fahrradtouren.

Ich sah meine Frau.

Ich sah all jene Abende, an denen wir dort gemeinsam vorbeigefahren waren.

Und plötzlich war Vergangenheit wieder Gegenwart.

Warum weine ich noch immer?

Am Abend saß ich wie gewohnt bei meiner Teelicht-Meditation.

Eine kleine Flamme brannte vor mir.

Und ich fragte in Gedanken:

Warum muss ich nach einem ganzen Jahr in bestimmten Augenblicken noch immer weinen?

Sollte die Trauer nicht irgendwann schwächer werden?

Sollte ein Mensch nicht irgendwann gelernt haben, mit dem Verlust zu leben?

Doch vielleicht ist diese Frage falsch gestellt.

Denn Trauer lässt sich nicht nach Monaten berechnen.

Liebe besitzt keinen Kalender.

Wenn ein bestimmter Ort, ein Lied, ein Geruch oder eine Blume plötzlich eine Erinnerung öffnet, kann für wenige Augenblicke alles wieder gegenwärtig sein.

Die Tränen bedeuten dann nicht, dass wir keinen Schritt weitergegangen wären.

Vielleicht bedeuten sie einfach:

Dieser Mensch ist mir noch immer wichtig.

Der treue Husar

In diesem Moment musste ich an das alte Lied vom treuen Husaren denken.

An einen Mann, der sein Mädchen liebte – ein ganzes Jahr und noch viel länger.

Und plötzlich bekam dieses alte Lied für mich eine ganz persönliche Bedeutung.

Denn Liebe lässt sich nicht mit dem Tod eines Menschen einfach abschalten.

Wer jahrzehntelang miteinander gelebt, gehofft, gestritten, gelacht, gelitten und den Alltag geteilt hat, kann diese Verbundenheit nicht an einem bestimmten Tag ablegen.

Das Herz führt keinen Kalender.

Vielleicht ist gerade darin die eigentliche Bedeutung des treuen Husaren zu finden:

Treue endet nicht dort, wo ein gemeinsamer Weg äußerlich endet.

Eine Antwort in der Meditation

Während meiner Meditation hatte ich schließlich ein Erlebnis, das für mich sehr persönlich war.

In meiner inneren Wahrnehmung hörte ich die Stimme meiner Frau.

Ob ein anderer Mensch dies als Erinnerung, innere Stimme, meditative Erfahrung oder als wirkliche Verbindung mit einem Verstorbenen verstehen möchte, lasse ich bewusst offen.

Für mich fühlte es sich in diesem Augenblick wie ihre Stimme an.

Sinngemäß sagte sie zu mir:

„Jeder Mensch sieht nach dem Tod seine Fehler und ist bestrebt, sie in einem kommenden Leben wieder gutzumachen.

Er wählt seinen weiteren Weg und trägt manches davon tief in sich.

Vielleicht hast du unsere spätere Trennung längst irgendwo in deinem Unterbewusstsein gespürt.

Deshalb hast du manchmal neben mir geweint wie ein kleines Mädchen, obwohl wir doch noch zusammen waren. Irgendetwas in dir wusste, wie wichtig unsere gemeinsame Zeit war.

Ich selbst habe während meiner zwei Krebsjahre vieles innerlich getragen, um dich zu schonen.

Du bist meinen langen Leidensweg treu und tapfer neben mir gegangen. Dafür bin ich dir dankbar.

Das Rad der Wiedergeburt dreht sich weiter.

Und das Ende dieses Kreislaufs liegt tröstend auch in unseren eigenen Händen.“

Diese Worte – oder diese innere Erfahrung – blieben bei mir.

Trauer aus buddhistischer Sicht

Auch der Buddhismus kennt die schmerzhafte Wahrheit, dass alles Zusammengesetzte vergänglich ist.

Menschen begegnen einander.

Sie lieben sich.

Sie leben miteinander.

Und irgendwann müssen sie sich voneinander trennen.

Gerade deshalb besteht buddhistische Praxis nicht darin, einen geliebten Menschen möglichst schnell zu vergessen.

Sie lädt vielmehr dazu ein, die Wirklichkeit des Abschieds anzunehmen, ohne die Liebe deshalb abzuwerten.

Trauer und Anhaftung sind dabei nicht einfach dasselbe.

Wir können lernen, einen Menschen loszulassen und ihm dennoch dankbar verbunden zu bleiben.

Vielleicht verändert sich Liebe nach dem Tod:

Aus dem gemeinsamen Alltag wird Erinnerung.

Aus Fürsorge wird Dankbarkeit.

Aus körperlicher Nähe wird innere Nähe.

Und aus der Frage

„Warum bist du nicht mehr hier?“

kann irgendwann die stillere Frage werden:

„Was darf von unserem gemeinsamen Leben in mir weiterwirken?“

Das Rad dreht sich weiter

Das Bild des Rades besitzt im Buddhismus eine besondere Kraft.

Es erinnert an Kreisläufe.

An Werden und Vergehen.

An Geburt, Alter, Krankheit und Tod.

Aber auch daran, dass dieser Kreislauf nicht zwangsläufig ohne Ende fortgeführt werden muss.

In der buddhistischen Lehre ist Wiedergeburt nicht einfach eine romantische Garantie dafür, dass zwei Menschen sich im nächsten Leben genauso wiederfinden wie zuvor.

Vielmehr wirken Handlungen, Absichten und karmische Bedingungen weiter.

Deshalb verstehe ich den Gedanken:

„Das Ende davon liegt in unseren Händen“

nicht als Versprechen.

Ich verstehe ihn als Aufgabe.

Wie wir heute denken, sprechen und handeln, gestaltet unseren Weg.

Liebe allein hebt Vergänglichkeit nicht auf.

Aber eine von Güte, Mitgefühl und Treue geprägte Liebe kann unser eigenes Herz verändern.

Gedanken zur Trauer

Weinen nach einem Jahr ist kein Maß für mangelndes Loslassen.

Ein Jahrestag, ein vertrauter Weg, ein Lied oder eine Blume kann Erinnerungen plötzlich wieder lebendig machen.

Trauer verläuft nicht geradlinig.

Es gibt gute Tage und schwere Tage.

Und manchmal genügt eine einzige Blume am Wegesrand, damit Jahrzehnte gemeinsamer Erinnerung wieder im Herzen stehen.

Aus buddhistischer Sicht können wir versuchen, diese Gefühle weder festzuhalten noch wegzudrücken.

Wir dürfen sie wahrnehmen:

Da ist Trauer.

Da ist Erinnerung.

Und hinter beidem war und ist Liebe.

Die Blume für meine Frau

Heute sehe ich die kleine Blume am Husarendenkmal anders.

Früher pflückte ich sie für einen Menschen, der neben mir stand.

Heute pflücke ich sie für einen Menschen, der in meiner Erinnerung weiterlebt.

Vielleicht schauen Fremde verwundert.

Das ist nicht wichtig.

Denn sie kennen unsere Geschichte nicht.

Sie wissen nicht von unseren Fahrradtouren.

Sie wissen nicht von Krankheit und Hoffnung.

Sie wissen nicht, wie viele gemeinsame Abende hinter einer einzigen kleinen Blume verborgen sein können.

Ich weiß es.

Und das genügt.


Schlussgedanke

Der alte Husar blieb seinem Mädchen treu.

Und manchmal glaube ich, dass darin eine einfache menschliche Wahrheit liegt:

Wahre Liebe richtet sich nicht nach einem Kalender.

Vielleicht werden die Tränen mit der Zeit seltener.

Vielleicht kommen sie irgendwann nur noch bei einem bestimmten Lied.

Bei einer Kerze.

Bei einem vertrauten Weg.

Oder bei einer Blume neben einem alten Husarendenkmal.

Doch wir müssen uns ihrer nicht schämen.

Denn vielleicht sagt jede dieser Tränen nur:

Ich habe dich nicht vergessen.

Ich bin den Weg mit dir gegangen.

Ich habe versucht, an deiner Seite zu bleiben, als der Weg schwer wurde.

Und auch wenn ich ihn nun ein Stück allein weitergehen muss, nehme ich etwas von dir mit.

Das Rad dreht sich weiter.

Was hinter dem Tod liegt, können wir Lebenden nicht mit Gewissheit wissen.

Aber wir können bestimmen, was wir jetzt aus unserer Liebe machen:

Dankbarkeit statt Bitterkeit.

Mitgefühl statt Verzweiflung.

Erinnerung statt Vergessen.

Und vielleicht ist genau das eine Form von Treue, die auch der Tod nicht nehmen kann.

Weiterführende Literatur und Anregungen

Dīgha-Nikāya 16 – Mahāparinibbāna-Sutta: Eine der bedeutendsten buddhistischen Lehrreden über Vergänglichkeit, Abschied und den Tod des Buddha.

Dhammapada: Besonders die Verse über Vergänglichkeit, Geist, Anhaftung und heilsames Handeln eignen sich zur persönlichen Betrachtung in Zeiten von Verlust.

Anguttara-Nikāya: Verschiedene Lehrreden beschäftigen sich mit heilsamen Handlungen, Karma und den Folgen unserer Absichten.

Nyanatiloka Mahathera: Buddhistisches Wörterbuch: Hilfreich zum Verständnis buddhistischer Begriffe wie Kamma, Wiedergeburt, Vergänglichkeit und Nibbāna.

Paul Debes: Meisterung der Existenz durch die Lehre des Buddha: Eine ausführliche deutschsprachige Darstellung zentraler buddhistischer Lehrinhalte.

Zur Krefelder Geschichte: Die Stadt Krefeld dokumentiert die Besuche Kaiser Wilhelms II. und die Geschichte des Husaren-Regiments Nr. 11. Historisch belegt sind die Verlegung der sogenannten „Tanzhusaren“, der Einzug in die Garnison 1906 und das 1929 errichtete Husarendenkmal.

schon gelesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Artikel Empfehlungen

Alter Mönch erklärt einen Jungen Mönch etwas

TADELLOS

Lesedauer 5 Minutenaus der Anaganga-Sutta, Tripitaka, gekürzte fassung Im

Ankommen im Hier und Jetzt. In unserer Gemeinschaft findest du Raum für Meditation und die Weisheit des Dharma. Gemeinsam gehen wir den achtsamen Schritt in Richtung Erleuchtung.

Abendländische-Buddhisten-Collegium e.V.

Info :