Genie, Leidenschaft und Tragik eines musikalischen Jahrhunderts
Immer wieder erscheinen auf Erden Menschen, die unsterbliche Spuren hinterlassen. Normalbürger sinnieren häufig, ob es Zeitreisende aus der Zukunft waren oder Reinkarnationen großer Wissenschaftler und Künstler, die sich an die Höhepunkte aus ihren Vorleben noch erinnern.
Wer im Vorleben guten oder schlechten Menschen begegnete und ihnen in diesem Leben wiederbegegnet, entwickelt ihnen gegenüber Sympathie oder Antipathie.
Wahre Künstler stören sich weder an ihrem Namen noch am Wohlstand – sie leben nur für ihre Kunst. Und Kunst kommt von Können. In allen anderen sehen sie nur Scharlatane! Sie kamen nur noch einmal in diese Welt, um ihre Kunst zu krönen.
Ihnen interessiert auch nicht das Wissen, wer sie einmal im Vorleben waren, weil mit deren Tod auch ihr Erbteil erloschen ist.
Beinahe alle großen Künstler waren zu Lebzeiten arm und erfreuten sich an ihrem Schaffen selbst am meisten, weil sie es recht verstanden.
Am 27.1.1756 kam das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart, Sohn des Hofkomponisten Leopold Mozart und dessen Ehefrau Anna Maria, in Salzburg zur Welt.
Als „Wolferl“ liebevoll gerufen, lernte er von seiner fünf Jahre älteren Schwester Anna Maria („Nannerl“) das Klavierspielen.
Im Alter von fünf Jahren komponierte Wolferl bereits sein erstes Werk und erregte damit die Aufmerksamkeit des Fürstbischofs, in dessen Diensten sein Vater Leopold stand.
1762 unternahm Leopold Mozart mit seinen begabten Kindern eine Konzertreise. Hierbei trat er im Speisesaal von Schloss Schönbrunn vor Kaiser Franz II. und Kaiserin Maria Theresia auf, welche das Wunderkind sehen wollten.
Wolferl hüpfte in den Schoß der Kaiserin, umhalste sie und gab ihr einen rechtschaffenen Kuss.
Nach dem Vorspielen tollten die Kinder mit den hoheitlichen Kindern und durften deren gestickte, teure Kleider tragen und behalten.
Leopold Mozart wurde mit 100 Golddukaten (dem Wert von 40 Reitpferden) belohnt, was seine Begierden erweckte.
In den folgenden drei Jahren bereisten sie weitere Fürstenhäuser. Im Versailler Schloss wehrte Madame Pompadour Wolferls Vertrautheit ab.
In England wurden sie im Buckingham Palace vom deutschstämmigen König Georg III. und dessen Gattin Sophie Charlotte begeistert gefeiert. Dort lernten die Mozarts auch den berühmten Bach-Sohn Johann Christian kennen.
Von England reisten die Mozarts nach Holland und wurden in Amsterdam von Prinzessin Caroline von Nassau sechs Monate bewirtet.
Als sie an Typhus erkrankten, konnten sie gerettet werden und fuhren wieder nach Salzburg heim. Dem Wolferl blieben kleine Narben im Gesicht zurück.
Mit 13 Jahren reiste Wolferl mit seinem Vater in die Lombardei, wo er in Mailand mehrmals erfolgreich auftrat. Dort erhielt er den Auftrag, eine Oper zu vertonen.
Wolferl schrieb innerhalb von fünf Monaten in Salzburg das Libretto. Die Mailänder riefen:
„Viva il maestorino!“
Der Bischof verbot Wolferl dort, für Kastraten Tonstücke zu setzen.
In Bologna studierte Wolferl an der Philharmonie-Akademie und legte dort sein Examen ab, indem man ihm seine Frühreife zugute hielt. Während die 18-Jährigen mehrere Stunden für ihre Prüfungsarbeit benötigten, brauchte Wolferl nur 15 Minuten.
Wolferl wurde von Papst Clemens XIV. mit dem zweithöchsten vatikanischen Orden ausgezeichnet.
Auf seiner Italienreise besichtigte er den Isis-Tempel in Pompeji, der in seinem letzten Lebenswerk Vorlage für den Palast in seiner „Zauberflöte“ wurde.
Mit 15 Jahren wurde unser Wunderkind zum Konzertmeister ernannt – ein großer Name mit minderem Entgelt.
1777 kam der 21-jährige Mozart mit seiner Mutter nach Mannheim zu Besuch. Der Vater war beruflich verhindert.
Als Wolferl durch die Gassen Mannheims ging, hörte er eine schöne Frauenstimme singen. Er klopfte an die Haustüre der Familie Weber.
Die 16-jährige Tochter Aloisia öffnete die Tür.
„Verzeihung, aber ich hörte Sie soeben singen – es war wunderschön!“
Das Mädchen bedankte sich für das Kompliment und fragte nach seinem Namen.
„Entschuldigen Sie, mein Name ist Mozart!“
„Das Wunderkind?“ staunte Aloisia.
„Ich bin nicht mehr so klein!“, lächelte Wolferl.
Er versprach für sie Arien zu schreiben und brachte diese regelmäßig zu ihr.
Das entging seiner Mutter nicht, und sie fuhr sofort mit ihm nach Paris.
Aus mangelnder Sprachkenntnis konnten sie dort keine erwartete Anstellung finden. Wolferl hielt sich und seine Mutter mit Musikunterricht über Wasser.
Die Mutter wurde krank und starb in seinen Armen an Typhus.
Wolferl besuchte Aloisia voller Hoffnung und wurde eiskalt abgewiesen.
Er kehrte heim nach Salzburg und diente wieder beim Erzbischof als Hoforganist. Trotz bischöflichen Verbots hielt Wolferl außerhalb Konzerte und verlor so seinen Posten.
1781 kam der 25-jährige Wolferl nach Wien und traf dort Frau Weber, die verwitwet von Mannheim nach Wien gezogen war. Sie vermietete dem jungen Künstler ein Zimmer.
Aloisia, inzwischen verheiratet, ging Wolferl hochmütig aus dem Weg.
Aloisias 19-jährige Schwester Konstanze traf mit einem Wäschekorb im Arm im Treppenhaus auf Wolferl, der ihr höflich Platz machte.
„Schon gut, Herr Mozart!“, sagte sie lächelnd.
Er bot ihr seinen Vornamen an.
„Das würde Mama mir nie erlauben!“
„Ihre Mama muss es ja nicht hören“, sagte Wolferl verführerisch.
Konstanze errötete.
„Meine Mutter ist sehr streng, glauben Sie!“
Wolferl blieb hartnäckig:
„Aber Sie sind doch erwachsen!“
„Versuchen Sie das meiner Mutter zu erklären! Sie kontrolliert jeden Schritt von mir!“
„Warum?“
„Sie will eine gute Partie für mich – einen Mann mit Geld.“
„Dann bin ich wohl nicht der Richtige“, stellte Wolferl enttäuscht fest.
„Warum sagen Sie das?“, fragte Konstanze überrascht.
„Weil ich weder in guter Position bin noch Geld habe. Nur Schulden und Träume!“
„Manchmal sind Träume mehr wert“, äußerte sie geheimnisvoll.
In Wolferl erwachten neue Hoffnungen, die sich in immer häufigeren Begegnungen vertieften.
In günstigen Momenten gingen die beiden gemeinsam im Park spazieren. Schon bald spielte ihr Wolferl etwas am Klavier vor. Sie verstand die Musik nicht, aber den Klavierspieler.
Wolferl verdiente in der Künstlerstadt allmählich Geld durch seine Konzerte, konnte aber mit dem Wohlstand nicht richtig umgehen.
Konstanze ließ auf einer übermütigen Gesellschaft ihr Röckchen fliegen, und Wolferl machte ihr eine Szene, weil andere Männer ihre Beine sehen konnten.
Frau Weber entlarvte seine Eifersucht und warf den undankbaren Untermieter aus dem Haus.
Eine Woche später entschuldigte sich Wolferl bei Konstanze in einem langen Brief. Sie verzieh ihm, und sie trafen sich heimlich in Parks und Kaffeehäusern.
Es kam zur tiefen Liebesbeziehung, was zur damaligen Zeit sogar als Unzucht galt.
Die Leute tuschelten, und Frau Weber drohte Wolferl wegen Sittenlosigkeit bei der Polizei zu melden.
Schnell heirateten die beiden im kleinen Kreis in der Stephanskirche und bekamen im Laufe ihrer Ehe sechs Kinder, von denen nur zwei das Erwachsenenalter erreichten, aber keine Kinder hinterließen.
Sie besuchten den Vater Leopold in Salzburg, der seine arme Schwiegertochter nicht einmal ansah.
Wolferl spielte dort am Klavier, und Konstanze sang überaus hübsch im Duett mit ihm.
Der Vater wandte sich ab und verließ den Raum mit Tränen.
Wolferl schrieb in Wien erfolgreiche Opern und Musikstücke und brachte Vermögen ein.
Sie zogen in immer größere Wohnungen, hatten Personal, eine Pferdekutsche und teure Kleidung.
Doch Wolferl lebte über seine Verhältnisse: Er kaufte sich ein Klavier für 900 Gulden, wofür ein Hofmusiker ein ganzes Jahr arbeiten musste. Dann kaufte er sich einen Billardtisch für 300 Gulden u.s.w.
Dann kam der Krieg gegen die Türken, und das Volk verarmte.
Konstanze kränkelte, sie verloren ihren Reichtum, und Wolferl verschuldete sich hoch in seiner Freimaurer-Loge.
Er hoffte auf bessere Zeiten, in denen er alle Schulden tilgen könnte, und schrieb seine schönsten Gipfelwerke in dieser Zeit.
Als Leopold Mozart starb, erbte Schwester Nannerl laut Testament alles.
„Wolferl, dein Vater hat dir nichts hinterlassen“, sagte Konstanze traurig.
„Ich weiß es“, antwortete Wolferl und schaute aus dem Fenster.
„Tut es weh?“
„Nein“, sagte Wolferl. „Er hatte mir schon lange nichts mehr gegeben. Warum sollte es jetzt anders sein?“
Nannerl brach den Kontakt zu ihrem Bruder ab, weil er nicht einmal zu seines Vaters Beerdigung gekommen war.
Wolferl erklärte ihr das als seine Emanzipation.
Eines Tages betrat ein Mann im grauen Anzug mit tief ins Gesicht gezogenem Schlapphut Wolferls Stube.
Er legte einen Beutel mit 50 Dukaten auf den Tisch und gab ihn dem Künstler für ein Requiem – unter der Bedingung, den Namen des Auftraggebers nicht preiszugeben.
Bei Fertigstellung des Werkes würde er denselben Betrag noch einmal erhalten.
Wolferl schrieb gerade an einem anderen Auftrag – der Oper „Die Zauberflöte“.
Dabei wurde er immer wieder sehr müde und litt unter Gliederschmerzen und Konzentrationsschwächen.
Sein Gesicht, Hände und Füße schwollen an, und Ärzte diagnostizierten ihm „hitziges Frieselfieber“.
Sie behandelten ihren Patienten mit Aderlass, Umschlägen, Abführmitteln und Blutegeln.
Es war eine Stunde nach Mitternacht, als Wolferl bettlägerig eine Melodie summte. Er arbeitete an dem Requiem, flüsterte Konstanzes Namen und suchte ihre Hand.
Konstanze packte sie mit festem Griff und antwortete:
„Ich bin hier, bei dir, Wolferl!“
Er sagte ruhig:
„Ich weiß, dass dies das Ende ist, ich spüre es. Das Requiem ist für mich selbst – es ist meine Totenmesse! Es tut mir leid für die Schulden und die Sorgen, die ich Euch bereitet habe. Ich war kein guter Ehemann, kein guter Vater!“
Sie sagte, dass er der Welt so viel Freude gebracht hätte und sie ihn geliebt habe – jeden Tag mit allen Fehlern.
Wolferl fragte ängstlich:
„Stanzerl, den grauen Mann mit dem tiefen Schlapphut, der sich ständig nach dem Requiem erkundigte – hast du ihn heuer gesehen?“
Sie verneinte seine Frage.
Daraufhin flüsterte er:
„Er ist ein Bote des Todes und wartet auf mich. Sein Gift wirkt schon langsam. Es ist von der Loge – für Verräter, Schuldner! Aqua Tofana! Ich kenne den Geschmack des Metalls im Mund, ich kenne die Zeichen!“
Konstanze hielt seine Worte für Fieberwahn.
Mozart starb noch am 5. Dezember 1791.
Seine Werke wurden erst jetzt richtig gewürdigt, und Konstanze kopierte seine Manuskripte, kam wieder zu Wohlstand und lebte noch 40 Jahre weiter in Salzburg, bis sie als 80-Jährige starb.
Mozarts Gebeine wurden damals auf dem Friedhof St. Marx in einem Massengrab beigesetzt, wo die Stadt heute ihrem Wunderkind ein würdiges Ehrenmal errichtete.
P.S.
Ob Mozart nun vergiftet wurde, konnte nie festgestellt werden, obwohl ein Logenfreund bezichtigt wurde, der ihn noch am Sterbebett besucht hatte und dort sein Versprechen gab – und auch einhielt –, für Konstanze lebenslang zu sorgen.
Infobox – Weiterführende Literatur
📚 Empfohlene Bücher und Quellen
- Wolfgang Hildesheimer – Mozart
- Brigitte Hamann – Mozart – Sein Leben und seine Zeit
- Maynard Solomon – Mozart: A Life
- Norbert Elias – Mozart – Zur Soziologie eines Genies
- Briefe von Wolfgang Amadeus Mozart und Constanze Mozart
- Die Zauberflöte – Opernlibretto und Symbolik der Freimaurer






