Phagguna-Sutta

Bodhi Svaha! Sadhu!

Bedingtes Entstehen und die Auflösung der Ich-Vorstellung

So habe ich gehört: Einstmals weilte der Erhabene in Savatthi, im Jeta-Hain, im Mönchsheim des Anathapindika. Dort sprach der Vollendete zu den versammelten Bhikkhus (Mönchen):

„Diese vier Arten von Nahrung, ihr Edlen, gibt es – für die gewordenen Wesen zur Erhaltung und für die werdenden Wesen zur Unterstützung.

Und das sind:

  1. fühlbare Körper-Nahrung, grob und fein,
  2. Sinnesberührung,
  3. geistiges Innewerden,
  4. Bewusstsein.“

1. Die Zurückweisung der „Wer“-Frage

Auf diese Darlegung erhob sich der ehrwürdige Phagguna und fragte den Erleuchteten:
„Wer, o Bhagavā, ernährt sich denn nun vom Bewusstsein?“

Der Buddha antwortete:
„Die Frage ist nicht richtig gestellt. Ich sage nicht: ‚Er ernährt sich.‘ Würde ich so sprechen, wäre deine Frage berechtigt.

Da ich aber so nicht spreche, wäre die richtige Frage:
‚Wem dient Bewusstseins-Nahrung?‘

Die Antwort lautet:
Bewusstseins-Nahrung ist die Bedingung für erneutes Werden. Wenn Werden vorhanden ist, entstehen die sechs Sinne; in Abhängigkeit von den sechs Sinnen entsteht Berührung.“

2. Die Kette der Bedingungen

Phagguna fragte weiter:
„Wer, o Herr, berührt denn nun?“

Der Erhabene erwiderte:
„Auch diese Frage ist nicht richtig gestellt. Ich sage nicht: ‚Er berührt.‘

Die richtige Frage lautet:
‚In Abhängigkeit wovon entsteht Berührung?‘

Die Antwort:
In Abhängigkeit von den sechs Sinnen entsteht Berührung; in Abhängigkeit von Berührung entsteht Empfindung.“

Phagguna fragte weiter:
„Wer empfindet denn nun?“

Der Buddha antwortete:
„Ich sage nicht: ‚Er empfindet.‘

Die richtige Frage lautet:
‚In Abhängigkeit wovon entsteht Empfindung?‘

Die Antwort:
In Abhängigkeit von Berührung entsteht Empfindung; in Abhängigkeit von Empfindung entsteht Lebensdurst.“

Phagguna fragte:
„Wer dürstet denn nun?“

Der Erhabene sprach:
„Auch hier ist die Frage nicht richtig.

Die richtige Frage lautet:
‚In Abhängigkeit wovon entsteht der Lebensdurst?‘

Die Antwort:
In Abhängigkeit von Empfindung entsteht Lebensdurst; in Abhängigkeit von Lebensdurst entsteht Ergreifen.“

Phagguna fragte weiter:
„Wer ergreift denn nun?“

Der Buddha antwortete:
„Auch diese Frage ist nicht richtig gestellt.

Die richtige Frage lautet:
‚In Abhängigkeit wovon entsteht Ergreifen?‘

Die Antwort:
In Abhängigkeit von Lebensdurst entsteht Ergreifen; in Abhängigkeit von Ergreifen entsteht Dasein.

In Abhängigkeit von Dasein entstehen Geburt, Alter, Krankheit, Kummer, Schmerz, Leid, Verzweiflung und Angst. So kommt die ganze Entstehung dieser Leidensmasse zustande.“

3. Das Aufhören der Leidenskette

„Durch das Aufhören der sechs Sinnesgrundlagen hört die Berührung auf.
Durch das Aufhören der Berührung hört die Empfindung auf.
Durch das Aufhören der Empfindung endet der Lebensdurst.
Durch das Aufhören des Lebensdurstes endet das Ergreifen.
Durch das Aufhören des Ergreifens endet das Dasein.

So erlöschen Geburt, Alter, Krankheit, Kummer, Schmerz und Angst.
So erfolgt das Aufhören dieser ganzen Leidensmasse.“


 

Philosophische Einordnung

Dieses Sutta veranschaulicht das Prinzip des Bedingten Entstehens (paṭicca-samuppāda):

  • Es gibt kein festes, unabhängiges „Ich“, das handelt oder erlebt.
  • Stattdessen bestehen alle Phänomene aus Bedingungszusammenhängen.
  • Die Frage „Wer?“ wird bewusst zurückgewiesen, da sie eine stabile Identität voraussetzt.

Damit richtet sich die Lehre gegen:

  • Substanzdenken („ein festes Selbst“)
  • metaphysische Spekulationen über ein Ich

und lenkt den Blick auf Prozesse statt Subjekte.

Praktische Deutung

Die Lehre zeigt zwei Richtungen:

  • Entstehung des Leidens: durch Unwissenheit, Empfindung, Begehren und Anhaften
  • Aufhebung des Leidens: durch das schrittweise Auflösen dieser Bedingungen

Im praktischen Sinne geschieht dies im Rahmen des Achtfachen Pfades, der ethische, meditative und erkenntnismäßige Disziplin umfasst

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