Unser Wort zum Sonntag XXIII

Bodhi Svaha! Sadhu!

Der Sprachautomat

Seit der Sommer-Sonnenwende – dem Sommeranfang – werden die Tage bis zur Winter-Sonnenwende immer kürzer.

Und in diesen immer länger werdenden Abendzeiten beginnen auch meine Teelicht-Rituale immer früher, bei denen meine verstorbene Frau tieferen Eingang in mein Bewusstsein findet.

Ihre Stimme sagte mild und fürsorglich:

„Mit Deinen Hohlhänden verdecktest Du Deine Augen und wünschtest Dir mein Gesicht in der Dunkelheit!

Warum sollte ich Dir so erscheinen, wenn Du doch so oft zu meinem Foto schaust?

Du magst doch auch nicht, wenn ich Dich täglich zu meinem Grabe rufe!

Dennoch erfreut sich mein Herz an Deiner Anteilnahme.

Dann schaust Du in mein helles Teelicht und in Dir flammen Gedanken auf, die Dich zum Philosophen machen könnten.

Wer Dich mag, den magst Du.

Wer Dich liebt, den liebst Du!

Meine letzten Worte am Totenbett waren:

„Ich liebe Dich!“

und nicht:

„Ich liebte Dich!“

Denn ich liebe Dich noch immer.

Und da Du es jetzt mit Sicherheit weißt, kannst Du mich zweifelsfrei ebenso lieben.

Philosoph heißt ja ‚Freund der Weisheit‘, und das möchte ein Jeder sein.

Dazu benötigt man Energie, die das Gehirn verbrennt.

Faule denken daher nicht und vertrauen willig den Herrschenden.

Das hattest Du mir beim Dichten Deines Epos „Mein lieber Sokrates“ gesagt.

Und Buddha lehrte den Abgrund der Vergänglichkeit.

So erkanntest Du die Illusion der Gegenwart als Haarriss im Wesen der Zukunft, wo Gegenwart zu Vergangenheit verbrennt.

Wir leben alle in Vergangenheit und die Herrschenden wollen unser Wissen darüber verschleiern.

Diese Worte mögen dazu beitragen, die Toten als ‚unter Euch Lebende‘ nicht mehr zu verbannen und ihre Taten in echter Weise als Belehrung zu hüten!

Dann lebt keiner alleine oder unnütz, sondern ein jedes lebendige Wesen als Wegweiser!“

Plötzlich sprach Alexa

Nach dieser stillen Rede führte ich mein leeres Grog-Glas zum Munde und spulte jedes vernommene Wort im Geiste noch einmal hin und zurück.

Plötzlich zerschnitt die Stimme von Alexa, meinem Sprach-Automaten, das nachdenkliche Schweigen:

„Wolfgang! Möchtest du Musik hören?“

Ich stammelte fassungslos:

„Ja! Etwas Klassisches bitte!“

Und da lauschte ich der Wehklage des traurig-verliebten Kaisers aus Franz Lehárs „Das Land des Lächelns“:

„Immer nur lächeln …“

und schaute in das Bild meiner immer nur lächelnden Frau – mit feuchten Augen.

Danach folgten noch Lieder über Liebe, Sehnsucht und Treue.

In diesem Augenblick verstand ich wieder, warum mich die hohe Kultur der Oper so tief berührt.

Ihre Musik führt mich in eine Welt von Erinnerung, Sehnsucht und innerer Bewegung, die ich in einem großen Teil der modernen Popmusik nicht auf dieselbe Weise empfinde.

(Euer Sonntags-Kolumnist)


Zufall, Bedeutung oder Synchronizität?

Psychologisch betrachtet suchen Menschen besonders in emotional aufgeladenen Situationen nach Zusammenhängen und Bedeutung.

Spirituell kann derselbe Vorgang anders erlebt werden:

als Zeichen,

als Fügung,

als Synchronizität

oder als stilles Zusammentreffen von äußerem Ereignis und innerem Zustand.

Ob darin tatsächlich eine Botschaft von außen liegt, lässt sich nicht sicher feststellen.

Die Bedeutung des Augenblicks entsteht jedoch auch dadurch, was er im Menschen auslöst.


Liebe in der Gegenwartsform

Besonders stark ist ein Satz dieses Textes:

„Ich liebe Dich“ – nicht „Ich liebte Dich“.

Grammatisch beschreibt er Gegenwart.

Emotional beschreibt er etwas noch Größeres:

Der geliebte Mensch ist gestorben, aber die Liebe selbst wird nicht automatisch Vergangenheit.

Erinnerung kann gegenwärtig bleiben.

Dankbarkeit kann gegenwärtig bleiben.

Und auch Liebe kann im Herzen eines Hinterbliebenen weiterhin in der Gegenwartsform bestehen.


Buddhistischer Gedanke: Vergänglichkeit

Der Buddhismus erinnert daran, dass alles Bedingte vergänglich ist.

Augenblicke entstehen und verschwinden.

Ein Gedanke wird Gegenwart und im selben Moment Vergangenheit.

Gerade darin liegt jedoch nicht nur Trauer.

Vergänglichkeit macht jeden Augenblick kostbar.

Die Erinnerung an einen geliebten Menschen kann deshalb weniger ein Festhalten am Vergangenen sein als eine Einladung:

Jetzt bewusst zu leben.


Redaktioneller Hinweis zur Sonnenwende

Zwischen Sommer- und Wintersonnenwende werden die Tage tatsächlich kürzer.

Die häufig genannte Zahl von „vier Minuten täglich“ ist jedoch nur eine grobe Faustregel für bestimmte Zeiten und Breitengrade.

Die tägliche Veränderung ist nicht während des gesamten Halbjahres gleich groß.

Nahe den Sonnenwenden verändert sich die Tageslänge nur wenig; zwischen ihnen deutlich stärker.

Für die poetische Aussage des Textes bleibt der Gedanke jedoch derselbe:

Mit dem Herbst kommt die Dunkelheit immer früher – und damit beginnt auch die Zeit des Kerzenlichts früher.


Über Oper und Popmusik

Die Gegenüberstellung von Oper und Popmusik ist eine persönliche kulturkritische Betrachtung.

Musik wirkt sehr individuell.

Für den einen öffnet eine Oper tiefste Erinnerungen und Gefühle, für den anderen kann genau dasselbe ein modernes Lied bewirken.

In diesem Text steht die Oper deshalb vor allem für etwas Persönliches:

für Erinnerung,

Tiefe,

Sehnsucht,

Verlust

und eine Liebe, die noch immer gegenwärtig empfunden wird.


 

Literaturtipps zur weiterführenden Lektüre

1. Franz Lehár – „Das Land des Lächelns“
Zur Operette über Liebe, Sehnsucht, kulturelle Distanz und Abschied.

2. Literatur über Trauer und fortdauernde Bindungen
Zur Frage, warum geliebte Verstorbene in Erinnerung und inneren Gesprächen weiterhin gegenwärtig bleiben können.

3. Buddhistische Texte über Vergänglichkeit
Zur Vertiefung von Anicca und der ständigen Veränderung aller bedingten Erscheinungen.

4. Philosophie über Zeit und Gegenwart
Zur Frage, was eigentlich „Jetzt“, Vergangenheit und Zukunft bedeuten.

5. Literatur über Synchronizität
Zur Beschäftigung mit bedeutungsvoll erlebten Zufällen und ihrer psychologischen beziehungsweise spirituellen Interpretation.

6. Musik und Erinnerung
Über die besondere Fähigkeit von Musik, autobiografische Erinnerungen und starke Gefühle hervorzurufen.

7. Meditation mit Kerzenlicht
Zur Verbindung von Konzentration, innerer Sammlung und stiller Erinnerung.

8. Trauerrituale im Alltag
Über persönliche Formen, mit denen Hinterbliebene Erinnerung, Dankbarkeit und Verbundenheit bewahren können.

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