Sokratismus im Alltag

Bodhi Svaha! Sadhu!

Zwiesprache über die Stille hinaus

Nach dem Tod meiner Ehefrau verwandelte ich unsere über fünfzig gemeinsamen Lebensjahre in ein tägliches Ritual.

Wir hatten stets achtsam auf unsere Gesundheit geachtet – im Rahmen der Schmerzlosigkeit, aber mit einer gewissen Großzügigkeit. Wenn einer von uns kränkelte, wurde der andere zur fürsorglichen Mutter. Es war ein schönes Gefühl, alles gemeinsam zu wissen und nichts mehr erklären zu müssen. Daraus entstand auch eine tiefe, gemeinsame Stille, die uns trug.

In den nun einsamen Abendstunden entwickelte ich ein Ritual, um meiner Frau Energie ins Jenseits zu senden. Ich reibe meine Hände, lade sie mit Wärme auf und streiche damit über mein Gesicht, den Hinterkopf bis in den Nacken – als würde ich Teile meiner Aura aufnehmen. Dort massiere ich den im Qi Gong bekannten „großen Hammer“, jenen Punkt, an dem sich viele Nervenbahnen kreuzen. Dies wiederhole ich dreimal.

Dann lege ich meine hohlen Handflächen über die Augen und richte meine Aufmerksamkeit auf das geistige „dritte Auge“, bis ich eine hellblaue Aura wahrnehme. Anschließend verschließe ich mit den Handballen meine Ohren und lasse mit überkreuzten Fingern die „Himmelstrommel“ erklingen. Dabei spreche ich dreimal: „Bud-Dho!“
Mit den Fingern klopfe ich sanft auf die höchste Stelle meines Schädels und sage: „gacchāmi“ – die Zuflucht.

Darauf nehme ich meine Mala-Kette und spreche die Segensformel:
Ich nehme meine Zuflucht zu Buddha, dem Erhabenen, dem Vollendeten, dem unvergleichlichen Lehrer der Menschen und aller Geistwesen.

Bei jeder Perle sende ich meiner Frau einen Gruß, einen Kuss, einen Impuls von Energie. Dazu chantiere ich: „Om mani padme hum“.

Am Ende hauche ich einen Kuss in meine gefalteten Hände und werfe ihn ihr zu mit den Worten: „Fang ihn auf!“

Das erfüllt mich mit einem stillen Wohlgefühl.

Wenn ich ihr in Gedanken eine Frage stelle und ganz still werde, antwortet sie mir oft – im Stil von Sokrates – mit einer Gegenfrage. So habe ich von ihr gelernt, dass jede Liebesgabe letztlich auf Gegenliebe stößt.

In unserer gemeinsamen Zeit mit Iren und Angelsachsen hatten wir den Satz: „Look in the book!“ – unser geflügeltes Wort, wenn uns etwas nicht einfiel.

Als ich kürzlich eine religiöse Frage an sie richtete, erschien mir ihre Antwort – leicht verwandelt – wieder im Bewusstsein: ein inneres, posthumes „Look in the book!“. Es löste in mir ein zugleich trauriges und heiteres Lächeln aus.

„Natürlich“, dachte ich, „warum frage ich nicht selbst den Buddha?“

Ich schlug die Sutta Pitaka auf – das Lehrkörbchen – und fand dort die Antwort, die ich suchte.

Spiritueller muss das Leben nicht funktionieren.

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