Tempel-Safari
So weit südlich liegt Thailand zum Äquator, dass es kaum ein Zwielicht am Morgen und Abend gibt. Schwupp, schon weckte uns die heiße Sonne durch unser Fenster. Wir mussten uns ausziehen, um uns nach dem Duschen wieder anzuziehen.
Ich betrat meinen geliebten Balkon und hob eine daumendicke und mittelfingerlange Zikade auf, die das Gewitter hier niedergeschmettert hatte. Mit Herzmassage hätte ich ihr noch die Rippchen gebrochen. Traurig warf ich ihren leblosen Körper über die Reling und traute meinen Augen nicht, als sie vom 3. Stockwerk plötzlich mit spürbarem Flügelschlag wieder in den Himmel emporstieg und dort als schwarzes Pünktchen unsichtbar wurde.
Endlich ein echter „Himmelsfahrt-Tag“!
Puis Mutter „Eh“ verriet ich einmal, dass ich mich auf Tempelbesuche am meisten freue. Sie freute sich nun ihrerseits, mir diese Freude zu bereiten. So bestiegen wir wieder eine Reise-Limousine zur Tempel-Safari.
Auf der Ladefläche eines Pick-up vor dem Hotel lag Björns Hochzeitsstrauß zum Trocknen und Einrahmen. So viele schöne Sachen hatte ich nicht zu meiner Hochzeit erfahren, aber unsere Hochzeitsreise führte damals ja nur bis zur Mosel – und der Wein dort war ein „heuriger“, wie es die Österreicher sagen würden.
Die Stupas und Pagoden flogen so an meinen Augen vorbei und Puis Onkel Martin erklärte immer, welche wir besuchen werden: den Glas-Tempel, den Smaragd-Tempel, den Tiger-Tempel und, und, und.
Zwischendurch riefen die Frauen: „Pipi-Pause!“ und standen dann in irgendeiner Ecke und tranken (wie die durstigen Maurer) Singha. In der linken Hand die Flasche, in der rechten Hand eine L&M! Für so etwas hat der hilfreiche Meditations-Buddha „Avaloki-Tesch-Vara“ bestimmt keine 100 Arme!
Gebäude mit blauen Bändern geschmückt waren königliche Anwesen. Irgendwann las ich ein Schild mit europäischem Untertitel „Forest Camp“, dann „Rain Forest“ – und sofort fing es an zu regnen.
Wolkenbrüche verwandelten eine steile Serpentine bergauf in einen reißenden Bach. Der Fahrer hatte Mühe, Gegenverkehr zu erkennen. Er hielt seinen Kopf aus dem Seitenfenster, weil die Windschutzscheibe wie ein Aquarium aussah. Dabei steuerte er wie ein Bootsmann die Flussmitte an – die Ränder waren nur Steilhänge.
Der Fahrer hatte seinen Fahrpreis zwar vorweg empfangen, wollte vor den Langnasen (Europäer) aber seine Tüchtigkeit beweisen.
Eine gequälte Ewigkeit später kamen wir in ein Gebiet des Sonnenscheins. Gelbe Fähnchen am Straßenrand zeigten, dass wir in Tempelnähe waren. Gelbbraun war im alten Indien die billigste Farbe, mit der sich die Wandermönche ihre aus Stoffresten gefertigten Umhänge färbten.
Hier herrschte Touristenverkehr und wir saßen daraufhin im Restaurant der „hängenden Beine“. Von einer erhöhten Plattform baumelten unsere Füße über Abgründe. Das tat unseren Füßen gut, und die scharfen Speisen zwangen zur Aufnahme von Flüssigkeit. Dick konnte man dabei auch nicht werden, und der Kreislauf blieb stabil.
Mit Souvenirs ausgestattet stiegen wir wieder in unser Fahrzeug und durchquerten endlose Landschaften – braunverwelkte Berge auf und ab.
Eine wunderschöne chinesische Pagode lag schneeweiß und verträumt vor uns. Ehrfurchtsvoll betraten wir den kühlen Marmorboden mit nackten Füßen. Ein großer Brunnen bildete das Zentrum, mit einer Insel, zu der eine zierliche Brücke führte. Alles umgeben von chinesischen Marmorheiligen mit Segenszeichen.
Ich schaute in ihre Gesichter und bildete mir ein, Konfuzius und Laotse zu erkennen – und in den neun Unsterblichen sah ich plötzlich das ganze Personal vom Krefelder China-Restaurant.
„Ge“ hatte schwimmende Blumen gekauft, herrlich duftende Räucherstäbchen in eine Schale gesteckt und dünne Kerzen im Blumenschifflein entzündet und den Inhalt zur Insel treiben lassen. Sie faltete die Hände an ihre Stirn, und Roman legte seine Hand auf ihre schmale Schulter – so ging der Segen auch auf ihn über.
Religiöse, erhabene Musik erfüllte das ganze Wat (Weihtum) mit dezenter Vibration, und ich fühlte diese Schwingungen wie eine Membran an den Scheiben eines mächtigen Kupfergongs, der im Hof aufgehängt stand.
Angelika trat an mich heran und deutete auf einen jungen Thaimönch. Wir gingen zu ihm, verbeugten uns vor einer Buddhafigur, warfen einen 20-Barth-Schein in eine Spendenbox und knieten mit zusammengelegten Händen vor dem jungen Bikhun.
Freundlich lächelnd saß er dort und sprach mit ruhiger Stimme Segenssprüche und Sutren in Pali, bevor er zum Bambuswedel griff und uns mit geweihtem Wasser besprengte.
Angelika ging glücklich zu ihrer Frauengruppe zurück, und ich schlenderte mit Roman durch eine abseitige Halle – vorbei an mächtigen Stühlen aus Wurzelholz, kunstvoll geschnitzt und so bombastisch, wie ich sie mir in einer Wikingerhalle vorstellen könnte.
Freundliche, weiß gekleidete Nonnen kochten für die Mönche in einem Seitenflügel. Die riesigen Panoramafenster lieferten einen Ausblick, der an das schwäbische „Schau ins Land“ erinnerte.
Neben einem großen Buddha stand eine rote Ganesha-Skulptur, umrahmt von zwei fußhohen jainistischen, linksläufigen Hakenkreuzen mit den vier Punkten in jedem Arm als Zeichen des Nirvanas.
Wir schauten uns an und waren erstaunt, dass dieses Zeichen von uns beiden als religiöses Heilszeichen erkannt wurde.
Dann fuhren wir wieder im italienischen Sturmschritt zum nächsten Tempel. Die gekaufte Kassette mit der wohltuenden Tempelmusik hatte Angelika in ihrer Handtasche.
Bald standen wir wieder ehrfürchtig vor einer riesigen Pagode. Wir gingen an einem kleinen Tempel aus bunten Mosaiksteinen vorbei zu einem Platz, von dem sich ein weißer Buddha kirchturmhoch in die Wolken erhob.
Er hielt einen kleineren Buddha in seinen Armen vor seiner Brust – darunter noch ein kleinerer, und noch einer… insgesamt sechs weiße Buddhas.
Mir war bekannt, dass die Zahl der Buddhafiguren den Segen für den Beschauer erhöht. Hier sollte jedoch das Anwachsen der Buddhaschaft vom ersten Erwachen veranschaulicht werden.
Die Rückfahrt erfolgte über dieselben abenteuerlichen Wege. Der müde Roman nickte eingeschlafen im Rhythmus der Musik aus dem Fahrerhaus – und „Ge“ bewachte seinen verwundbaren Zustand.
(Fortsetzung folgt)
Leserfrage
Welcher Moment auf einer Reise hat Sie einmal besonders spirituell oder nachdenklich gemacht?
Weiterführende Literaturtipps
- Pico Iyer: Die Seele des Reisens
- Alexandra David-Néel: Mystiker und Magier Tibets
- Heinrich Harrer: Sieben Jahre in Tibet
- Jack Kornfield: Das weise Herz
- Thich Nhat Hanh: Stille – Die Kraft der Gegenwart






