Der nackte Mann auf dem Balkon
Im sechsten Teil erreicht die Reise ihren emotionalen Höhepunkt. Die Hochzeitszeremonie entfaltet ihre ganze spirituelle Tiefe, während der Erzähler zwischen Rührung, Staunen und Selbstbeobachtung schwankt.
Der folgende Morgen bringt eine ruhige, fast meditative Gegenwelt: Alltagsleben, Beobachtungen vom Balkon – und leise Einsichten über Menschlichkeit, Armut und kulturelle Unterschiede.
Wieder war es „G“, die zu uns trat und lächelte.
„Warum weine ich nur immer so schnell?“, schluchzte ich und schnäuzte in Angelikas Papiertücher.
„Da ist etwas in dir drin, was sich unendlich freut!“, sagte sie weise und huschte wieder zu Roman hinüber.
Björn und Pui knieten seitlich der Bühne vor einem Buddha und entzündeten dort das Licht der Erleuchtung sowie Räucherstäbchen mit Blumengebinde zu Ehren des vollendeten Lehrers der Menschen und aller Geisterwelten.
In einer Zeremonie verharrten sie dort in Verbeugung (Zeichen der Demut) mit zusammengefalteten Handflächen (Harmonie zwischen Yin und Yang).
Vom Weihwedel der Mönche benetzt, gesellten sie sich zum Blumenaltar und knieten vor einem Blumenbecken mit gefalteten Händen. Mönche legten auf beide Häupter einen einigenden Blumenkranz, durch eine weiße Schleife wie mit einer Nabelschnur verbunden.
Mit einem goldenen, glockenartigen Schöpflöffel trug nun jeder Gast abwechselnd aus einer geweihten Schale – aufgeladen von den Schwingungen der Mönchsrezitationen – Wasser zum Brautpaar und schüttete es zum Segen über ihre zusammengelegten Hände, sodass es in das Blumenbecken floss.
Wasser hat im heißen Thailand einen hohen Wert an Reinheit, Leben und Fruchtbarkeit. Man denke nur an das ausgelassene Wasservergnügen zum buddhistischen Neujahrsfest! Da geht es zu wie im deutschen Karnevalszug – nur dass statt Süßigkeiten Wasser geworfen wird: macht Spaß, ist gesund und viel billiger!
Danach gaben die Mönche von ihrem Wollknäuel jedem Gast zwei kleine Bändchen. Ein Bändchen hängte man sich hinters Ohr, das andere zog man über das Handgelenk des Bräutigams mit Glück- und Segenswünschen. Dann überreichte man das zweite Bändchen in gleicher Weise der Braut.
In Deutschland geben die Mönche allen Gläubigen solche Bändchen als Freundschaftsbänder. Man sollte sie nie ablegen und so lange tragen, bis sie von selbst abfallen – dann legt man sie auf einen Altar.
Björn und Pui mussten ihre „Ehebänder“ ein ganzes Jahr tragen.
Ich sagte Pui bei der Übergabe, dass ich mir wünsche, sie würden auch im nächsten Leben wieder ein glückliches Paar werden. Da schaute sie schlagartig zu mir auf und sagte spontan und freudig:
„Wirklich?!“
Da hatte ich wieder als ganzer Kerl einen heftigen Kampf gegen meinen Tränenfluss zu kämpfen. Ich bin ein schlechter Kämpfer.
Die Gäste saßen an liebevoll geschmückten Tischen zu einem langen Hochzeitsmahl mit großer Vielfalt und Auswahl. Danach betrat Puis Mutter Eh das Podium und sang zur Instrumentalmusik schöne Thai-Lieder mit mädchenhafter, anmutiger Stimme.
Manchmal wurde sie von einem Verwandten mit tiefem Bass begleitet, und sie zupfte dabei kokett an ihrem Röckchen.
Ich erkannte den Kioskbesitzer vom Fluss, der uns immer neue Bierkästen herankarrte. Kellner zur Rechten wie zur Linken schütteten unsere Gläser schon voll, bevor sie halb geleert waren.
Ich vermutete langsam, dass die Thais ihrem Bier gleich Kopfschmerztabletten beigemischt hatten, denn am nächsten Tag konnte ich unbeschwert weitertrinken.
Bald konnte ich schon wieder die warme Sechs-Uhr-Morgensonne auf dem Balkon genießen. Da saß ich, nur mit Badehose bekleidet, und bedauerte Angelika, die immer in einen Hauch Stoff gehüllt war.
Ich schlürfte ein herrliches Teegetränk mit Schokoladencreme und beobachtete das emsige Treiben der Händler. Reklamewagen fuhren mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen, dazwischen das Wimmern von Polizeisirenen.
Eine Frau schüttete Schmutzwasser vor ihrer Haustür zur Abkühlung und fegte gleichzeitig das Straßenpflaster. Eine andere schob einen Handkarren mit Sonnenschirm langsam vor sich her.
Ich wartete gespannt, um etwas zu kaufen – doch sie hielt immer wieder an, um selbst zu trinken, und wurde schließlich vom Hotelpersonal fortgeschickt.
Björn erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden.
„Wo sind eigentlich die vielen armen Leute?“, fragte ich ihn.
„Die sitzen in den Speiselokalen und warten, was die Gäste übrig lassen“, antwortete er.
Von da an ließ ich immer einen Rest auf meinem Teller.
Ich blickte zu einem großen goldenen Buddha auf einem Berg vis-à-vis meines Balkons. In Thailand gibt es mehr Tempel als in Deutschland Kirchen – und ganz ohne Kirchensteuer.
„Dorthin fahren wir morgen“, sagte Björn.
Bevor er ging, tadelte er mich, weil ich so oft vergaß, mein Hotelzimmer abzuschließen.
Dann sah ich ihn mit Pui unter meinem Balkon entlanggehen. Seine rechte Hand gab den Takt vor, die linke hielt Puis Hand.
Junge Mädchen blickten ihnen nach – sie sahen die weißen Handbänder der frisch Vermählten.
Ich bedauerte, diesen Moment nicht fotografiert zu haben.
Angelika hatte ich derweil an eine Handvoll schnatternder Thaifrauen verloren.
Leserfrage
Wann haben Sie zuletzt einen Moment erlebt, in dem Sie – ohne genau zu wissen warum – von tiefer Freude oder Rührung überwältigt wurden?
Buddhistische Überlegung
Die Tränen des Erzählers sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von innerem Loslassen.
Im Buddhismus gilt ein offenes Herz als Voraussetzung für Erkenntnis. Wenn Freude, Mitgefühl und Verbundenheit gleichzeitig auftreten, kann sich der Geist für einen Moment von seinen gewohnten Grenzen lösen.
Vielleicht sind solche Augenblicke kostbar, gerade weil sie sich nicht festhalten lassen –
wie Wasser, das durch die Hände fließt und dennoch segnet.






