Zwischen Pflicht, Wahrheitssuche und dem freiwilligen Abgang aus der Welt
Am 18.0.1777 wurde in Frankfurt/Oder Heinrich, das 7. Kind des preußischen Offiziers Joachim Kleist und dessen Weib Juliane Ulrike (geb. Panwitz) geboren. Der Knabe wuchs wie in einer Kaserne auf. Am Speisetisch fiel ihm eine Gabel aus der Hand, worauf hin sein Großvater, der schon unter dem alten König Fritz diente (siehe unser Epos von „alter Fritz“ vom: März 2024), sagte:
„Bist du schon zu schwach um eine Gabel zu halten? Schwächlinge wurden bei uns im Feld erschossen!“
Heinrich nahm den Humor seines Großvaters ernst.
1788 starb Heinrichs Vater an einer nicht heilenden Kriegsverletzung. Sterbend nahm er von seinem Sohn den Schwur ab, Preußen zu dienen, wie er es getan hatte. 15 Jahre später starb auch seine Mutter über Nacht an Fieber. Heinrichs ältester Bruder übernahm die Vormundschaft über die sechs Waisenkinder. Bald wurde Heinrich in das Garderegiment zu Potsdam aufgenommen.
1792 zog Heinrich in den Krieg. Im Rheinland wohnte er der Exekution eines gleichaltrigen Deserteurs bei. Der Liquidant zitterte am ganzen Leib und weinte. Heinrich weinte mit ihm.
„Weinst du?“ fragte ihn sein Regimentskamerad.
„Hab nur den Rauch von den Gewehrsalven abbekommen“, log er.
Nach sieben Dienstjahren wurde Heinrich zum Leutnant befördert. Doch Heinrich hatte Angst, in Uniform zu sterben, bevor er richtig gelebt hat. 1799 quittierte er seinen Dienst im Alter von 22 Jahren – zum Skandal seiner Familie. Er wurde gemieden, und nur seine Schwester Ulrike hielt heimlichen Kontakt zu ihm.
Heinrich schrieb sich in die Universität zu Frankfurt/Oder als Student ein: Jura, Mathematik, Physik, Philosophie. Er suchte in den Büchern nach Wahrheit. Dort lernte er eine junge, kluge Kommilitonin kennen, die auch noch schön war (Wilhelmine von Zenge?). Sie kam aus dem Hause eines preußischen Generals und interessierte sich für Mozart und Poesie.
Beim Spaziergang im Park glaubte Heinrich, mit ihr ein normales Leben führen zu können. Im Garten ihrer Eltern machte er ihr einen Heiratsantrag und überreichte ihr gleich einen Verlobungsring. Sie nahm ihn an, und beide Familien waren glücklich.
1801 besuchte Heinrich seine Lieblingsschwester Ulrike in Würzburg. Sie waren wieder ein Herz und eine Seele. Heinrich las dort Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und klappte das Buch zu bei dem Satz:
„Wir können die Dinge an sich nicht erkennen, nur die Erscheinungen, die Wahrheit liegt jenseits unseres Verstands. Wir leben in einer Welt der Schatten, nicht der Gewissheit!“
Heinrich fragte:
„Wenn die Wahrheit unerreichbar ist, worauf gründet sich dann mein Leben? Auf Illusion?“
Damit brach Heinrichs Lebensplan in sich zusammen. Er sah sich als einen Schatten, der sich für substanziell hielt.
Noch in derselben Nacht schrieb Heinrich seiner Verlobten:
„Liebste, ich kann dich nicht mehr gehören, nicht weil ich dich nicht liebe, aber ich weiß nicht mehr, was Liebe ist, solange ich nicht weiß, wer ich bin. Verzeihe mir, oder vergesse mich!“
Die Braut weinte eine Woche, während ihre Familien außer sich vor Zorn waren. Zwei Jahre später heiratete sie einen Offizier und verfluchte ihren Heinrich bis an ihr Lebensende.
Ulrike und Heinrich, die beiden Geschwister, klammerten sich nun so intensiv aneinander, dass es Außenstehenden recht merkwürdig vorkam. Sie flohen in die Stille der Natur auf die kleine Insel Delos im Schweizer Bielersee. Tags verrichtete Heinrich Gartenarbeit, bis seine Hände bluteten, und abends lasen die Geschwister abwechselnd Rousseau.
Dann kam der Alltag, die Ernte verfaulte, Heinrich stand ständig am Fenster und Ulrike hörte die Nachbarn weinen. Im Winter 1802 zogen die Geschwister wieder nach Deutschland, wo sich ihre Wege trennten.
Heinrich zog es zu den Künstlerkreisen in Paris, wo er die französische Revolution erlebte. Bei Kerzenlicht schrieb er an der Tragödie des Normannenfürsten Robert Guiscard. Zwei Jahre lang lebte er nur noch von Wasser und Brot. Da erkannte er sich selbst in dieser Tragödie und warf sein 200 Seiten umfassendes Manuskript ins Kaminfeuer.
Danach schrieb er seine Meisterwerke „Michael Kohlhaas“ und „Die Marquise von O.“ Heinrich Kleist kam zu Ruhm und Geld und zog nach Königsberg im deutschen Ostpreußen. Dort arbeitete er als Beamter im Finanzdepartement.
1806 wurde Preußen von Napoleon besiegt. Kleist reiste besorgt nach Berlin. Die Franzosen nahmen ihn als Spion fest. Er gab sich als Schriftsteller aus. Zum Beweis schrieb er sechs Monate lang auf Papierfetzen in seiner Zelle das Drama „Prinz Friedrich von Homburg“. Die Franzosen glaubten ihm und ließen ihn frei.
1807 trat Kleist dem Dresdner Romantikerkreis bei. Dort entstand „Amphitryon“ sowie „Der zerbrochene Krug“. 1808 wurde letzteres in Weimar unter Goethes Regie aufgeführt und scheiterte. Es kam zum Bruch zwischen beiden Dichtern.
Im selben Jahr schrieb Kleist „Penthesilea“. Das Publikum reagierte entsetzt, Kleist nannte es grenzenlose Liebe. Seine „Hermannsschlacht“ wurde später gefeiert.
1811 betrat Heinrich Kleist einen Berliner Salon. Dort spielte Henriette Vogel Mozart.
„Gnädige Frau, sind Sie krank?“ fragte Kleist.
„Unheilbar“, antwortete sie.
„Ich auch.“
Beide verstanden sich wortlos. Henriette litt an Krebs im Endstadium. Kleist bot ihr einen gemeinsamen Tod an – schön, bewusst, wie in einer antiken Tragödie.
„Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“ fragte sie.
„Nein. Ich glaube an einen Tod nach dem Leben – und das ist genug.“
Sie schlossen einen Befreiungspakt.
Im November 1811 sah die Wirtin des Gasthofs Stimmig, wie Kleist und Henriette Vogel Kaffee tranken, Kuchen aßen und lachten. Am nächsten Tag, am 21.11.1811, zerrissen zwei Pistolenschüsse die Stille am kleinen Wannsee.
Henriette lag mit entblößter Brust, Heinrich daneben, die rauchende Pistole am Boden.
Leserfrage
Ist Heinrich Kleists Tod für dich ein Akt der Verzweiflung – oder ein letzter, radikal freier Entschluss?
Literaturtipps
Heinrich von Kleist – Sämtliche Werke
Peter-André Alt – Der Fall Kleist
Rüdiger Safranski – Romantik
Immanuel Kant – Kritik der reinen Vernunft
Friedrich Nietzsche – Also sprach Zarathustra
Allgemeine Anmerkung zu unseren Literaturtipps
Unsere Literaturhinweise sollen den Leserinnen und Lesern eine Orientierung bieten und unterschiedliche Blickwinkel auf die behandelten Themen ermöglichen. Dazu zählen sowohl klassische wissenschaftliche Werke als auch kulturhistorische, spirituelle oder interpretative Texte.
Nicht jede empfohlene Quelle entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Einige Titel bieten vielmehr alternative Sichtweisen, mythologische Deutungen oder persönliche Interpretationen der jeweiligen Autoren. Wir laden unsere Leser bewusst dazu ein, sich eigenständig ein Bild zu machen, kritisch zu vergleichen und bei Interesse auch auf wissenschaftlich gesicherte Fachliteratur zurückzugreifen.
Die Auswahl der Literatur soll daher als Anregung verstanden werden, nicht als abschließender Maßstab. Wir empfehlen, verschiedene Quellen heranzuziehen, Fragen zu stellen und das eigene Verständnis kontinuierlich zu erweitern.


