Unser Wort zum Sonntag XX

Bodhi Svaha! Sadhu!

Wiedergeburt

Glück allein beim Kerzenschein.

Ein süßer Grog und tiefe Gedanken.

Feierlich war das Rendezvous mit meiner verstorbenen Frau.

Ich brauche sie nicht zu rufen oder zu beschwören, denn sie zelebriert unsere zärtliche Telepathie.

Ganz so, wie wir als Verlobte uns sehnlichst trafen.

Im gelösten Zustand, zur rechten Stunde, wagte ich ihr meine Fragen zu stellen:

„Löst die kommende Wiedergeburt für Dich ein unangenehmes Gefühl in Dir aus?

Löst der Gedanke zum Verlassen Deiner jetzigen größeren Dimension nicht in Dir ein wenig Traurigkeit aus?“

Mit angehaltenem Atem wartete ich etwas gespannt auf ihre Antwort.

Sie sprach liebevoll wie eine Mutter, die die naiven Fragen ihres Kindes geduldig beantwortet:

„Es ist schon so, als würdest Du einen schönen Urlaubsort verlassen.

Aber Du wusstest das ja vom ersten Tag an und freust Dich dann auf das neue Abenteuer in der dreidimensionalen Welt!“

Gedanken sind so schnell wie die Photonen des Lichts und flugs kam meine letzte Frage:

„Wie schmerzhaft fühlte sich für Dich das Abschiednehmen von uns, vor Deinem Hinüberschreiten an?“

Ihre Antwort war für mich sehr beruhigend:

„Ich hatte mich doch bei Dir bedankt dafür, weil Deine Vorstellung darüber zuvor meine Brücke war!

Ich wusste ein halbes Jahrhundert schon, dass Du ein ehrlicher Suchender warst und vertraute Dir.

Worauf sollte ich denn sonst vertrauen?

Das hast Du doch daran gemerkt, dass ich mit allen irdischen Dingen ohne Groll im Reinen war!“

Ich erinnerte mich, wie oft wir lachten, nachdem wir gleichzeitig denselben Gedanken aussprachen.

(Euer Sonntags-Kolumnist!)

Infobox: Wiedergeburt als innere Hoffnung

Dieser Sonntagstext beschreibt eine sehr persönliche innere Zwiesprache über Tod, Abschied und Wiedergeburt.

Die verstorbene Frau erscheint darin nicht als verlorene Vergangenheit, sondern als vertraute Stimme in einer geistigen Begegnung. Die Wiedergeburt wird dabei nicht als Strafe oder Verlust dargestellt, sondern als Übergang in ein neues Abenteuer.

Das Bild vom schönen Urlaubsort macht die Vorstellung besonders anschaulich:

Man verlässt einen Ort, an dem man sich wohlgefühlt hat, nicht unbedingt ohne Wehmut – aber mit dem Wissen, dass etwas Neues beginnt.

Buddhistischer Gedanke:
In buddhistischen Traditionen wird Wiedergeburt nicht einfach als Rückkehr derselben unveränderten Persönlichkeit verstanden. Vielmehr geht es um die Fortsetzung bedingter Prozesse von Bewusstsein, Ursache und Wirkung. Karma verbindet dabei Handlungen und ihre Folgen über das gegenwärtige Leben hinaus.

Persönliche Erfahrung und Glaubensaussage:
Innere Gespräche mit Verstorbenen, empfundene Telepathie oder das Gefühl ihrer Nähe können für Trauernde sehr wirklich und tröstlich sein. Ob solche Erfahrungen tatsächlich eine Kommunikation über den Tod hinaus darstellen, lässt sich wissenschaftlich nicht sicher feststellen.

Für den Menschen, der sie erlebt, können sie dennoch eine tiefe persönliche und spirituelle Bedeutung besitzen.

Die Brücke des Vertrauens

Besonders stark ist in diesem Text der Gedanke einer Brücke.

Nicht Wissen bildet diese Brücke, sondern Vertrauen.

Ein halbes gemeinsames Jahrhundert, zahllose Gespräche, geteilte Gedanken, gemeinsame Erfahrungen und die Gewissheit, den anderen wirklich zu kennen, können eine Verbindung schaffen, die durch den Tod nicht einfach bedeutungslos wird.

Vielleicht liegt gerade darin der Trost:

Nicht alles, was einen Menschen mit einem geliebten Wesen verbunden hat, verschwindet mit dem Körper.

Erinnerung, Liebe und gemeinsame Gedanken wirken weiter.

Literaturtipps zur weiterführenden Lektüre

1. Das Dhammapada
Buddhistische Verse über Geist, Vergänglichkeit, Handlungen und den Weg zur Befreiung.

2. Buddhistische Lehren über Karma und Wiedergeburt
Zur genaueren Unterscheidung zwischen einer unveränderlichen Seele und der buddhistischen Vorstellung bedingter Wiedergeburt.

3. Die Lehrreden des Buddha aus dem Pali-Kanon
Für Leser, die sich mit Tod, Wiedergeburt, Bewusstsein und dem Ende des Leidens aus den frühen buddhistischen Quellen beschäftigen möchten.

4. Literatur über Trauer und fortdauernde Bindungen
Zur Erfahrung, dass Beziehungen zu verstorbenen Menschen in Erinnerungen, inneren Gesprächen und Ritualen weiterbestehen können.

5. Bücher über Meditation und innere Bilder
Zur Beschäftigung mit vertiefter Wahrnehmung, Stille und außergewöhnlichen inneren Erfahrungen.

6. Nahtoderfahrungen und Jenseitsvorstellungen
Als vergleichende Literatur über Berichte von Licht, Begegnungen und Übergangserfahrungen.

7. Texte über Vergänglichkeit im Theravada-Buddhismus
Zur Vertiefung von Anicca, dem Wandel aller Dinge, und der Frage, wie daraus ein anderer Umgang mit Abschied entstehen kann.

8. Biografiearbeit und gemeinsamer Lebensrückblick
Zur bewussten Erinnerung an jahrzehntelange Partnerschaft, gemeinsame Gedanken und die bleibende Bedeutung geteilter Erfahrungen.

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