Heimfahrt
Wir erlebten den letzten Abend nach den Abendvesper im Speiseraum unter freiem Himmel. Leise Musik drang aus dem dort installierten Thai-TV, und zu Mitternacht erklang die thailändische Nationalhymne.
Zwei junge Thais erhoben sich sofort stolz und sangen beherzt ihre Nationalhymne mit, die ein deutscher Komponist geschrieben hatte und sich wie eines unserer Volkslieder gar nicht so schlecht anhörte. Ich bewunderte die Jugendlichen ihrer Offenheit wegen und erinnerte mich daran, als ein ausländischer Nachbar sich verächtlich darüber machte, als ich in meinen eigenen Garten die Deutschlandfahne am Pavillon hisste.
„Ist das noch erlaubt?“, erdreistete er sich, mich einschüchternd zu fragen.
Ich antwortete damals: „Und wenn du noch weiter fragst, singe ich auch die ganze Nationalhymne!“ Die kannte ich noch aus meinem Schulunterricht damals!
Völkerkunde heißt Völkervergleich. Niemand ist schlechter oder besser – nur halt anders!
Wir erhoben uns, um unsere Hotelzimmer aufzusuchen. Das Gepäck war schon verstaut und nach Gewicht verglichen. Wer zu viel Gewicht hatte, verstaute es in untergewichtiges Gepäck eines Mitreisenden. Das ersparte Geld, hatte aber den Nachteil, dass man zuhause Kleidungsstücke fand, die Nummern zu groß oder zu klein waren.
Björn kam herein, schaltete das TV-Gerät ein und rief beim Hinauslaufen: „Schaut euch die Deutsche Welle an!“
So erfuhren wir, dass ein deutscher Airbus A380 von Spanien nach Deutschland sich absichtlich in die Alpen stürzte. Der Co-Pilot hatte den Piloten ausgeschlossen und alle mit sich in den Tod gerissen. Ein Exempel, wie tief persönliche Probleme den Rationalismus blockieren.
Unsere Reisegruppe war am nächsten Tag kleiner geworden. „Ge“ setzte sich in einen Fernbus nach Chiang Mai, und Martin flog plötzlich mit seiner Frau nach Kambodscha. Die Wirtin aus Heinrichs Stammlokal flog schon vorher heim, Puis Eltern beschlossen, noch eine fünfte Urlaubswoche anzuhängen.
Angelika stand die Furcht in den Augen und fragte Heinrich beim Abschied:
„Fliegen wir auch mit einem Airbus?“
Heinrich tröstete sie: „Nicht mit demselben! Ihr fliegt mit A130, der hat noch eine Etage obenauf!“
Ich bereute meinen voreiligen Scherz: „Dann nehmen wir die obere Etage, die ist sicherer!“
Beinahe hätte auch Roman den Abflug verpasst und kam in letzter Minute zum Boarding – mit einem Paket Kleenex-Papiertücher unter dem Arm und mit dicker Sonnenbrille, wie Schlagersänger Heino.
Der Countdown lief nervenzerreißend, ehe Roman seine Flugpapiere fand. Beim Eintritt erkundigte ich mich bei der Stewardess, ob der Pilot gut drauf wäre. Die Luxuspassagiere schauten erschrocken, und Björn tat so, als würde er mich nicht kennen.
Es kam noch schlimmer: Ein Fluggast, der sich übergeben hatte, wurde untersucht und schließlich gebeten, das Flugzeug zu verlassen. Flughafen-Security trug ihn hinaus. Dann mussten wir alle unsere Taschen öffnen.
Angelika löste sich neben mir in Luft auf.
Endlich erhoben wir uns in die Lüfte. Der Flieger war so leise, dass man dachte, zuhause im Fernsehsessel zu sitzen. „Heino“ bat mich um den Fensterplatz und filmte den ganzen Flug mit dem Handy für sein „Ge-chen“.
In Dubai wurde uns die Größe des Flughafens bewusst: 90.000 Bedienstete, riesige Hallen aus Glas und Marmor, gigantische Uhren von Rolex.
Vom Terminal aus konnte ich einen Blick auf das größte Gebäude der Welt werfen.
„Mit welchem Flugzeug fliegen wir jetzt?“, fragte Angelika.
„Mit der Boeing 777“, antwortete Björn.
Ich log: „Die segelt noch sicher, wenn alle Düsen ausfallen!“
Die Strafe folgte sofort: Dreimal wurde Angelika durch den Metalldetektor geschickt – ihre Haarspange war der Auslöser.
Mit Verspätung flogen wir weiter nach Deutschland. Getränke wurden bestellt: Heineken, Tomatensaft, Rotwein mit der Wirkung eines „steifen Groggs“.
Ich beobachtete die Mitreisenden:
Pui schaute Trickfilme, Björn betrachtete sein Hochzeitsbild, Roman blieb bei Tennis, Angelika bei Kochsendungen – und ich bei Johnny Cash.
Dann kamen Turbulenzen. Die Maschine sackte plötzlich ab, eine Stewardess stürzte. Essen landete in unseren Haaren statt im Mund. Erst lachten wir – dann wurde uns der Ernst der Lage bewusst.
Später beruhigte sich der Flug.
Der Pilot kündigte die Landung in Düsseldorf an – bei Sturm. Der Flieger kämpfte gegen Aquaplaning, drohte quer zur Bahn zu stehen. Doch der Pilot brachte uns sicher herunter.
Beim Aussteigen brachte uns der Temperaturunterschied eine Gänsehaut.
Im Autopark stellte Björn fest, dass seine Batterie leer war. Ich musste den Wagen wieder flott machen.
Zuhause wartete unser Kater Shiva. Kaum hörte er unsere Stimmen, kam er miauzend angerannt und wich uns nicht mehr von der Seite.
Ich schämte mich, ihn im Urlaub nicht vermisst zu haben.
Unsere Familie erwartete nun auch Gegenbesuche. Ohne Michaela hätten wir diese Reise gar nicht machen können.
Außenstehende, denen wir unseren Reisebericht zeigten, fragten Angelika heimlich, ob wir übertreiben würden.
Sie antwortete sibyllenhaft:
„An der Seite meines Mannes werde ich stets mit Überraschungen konfrontiert. Unser ganzes Leben verläuft ungewöhnlich!“
Leserfrage
Fällt es Ihnen nach einer intensiven Reise leicht oder schwer, wieder im Alltag anzukommen?
Weiterführende Literaturtipps
- Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem
- Eric-Emmanuel Schmitt: Nachtfeuer
- Nicholas Sparks: Weit wie das Meer
- Elke Heidenreich: Alles kein Zufall
- Paulo Coelho: Der Alchimist






