Bronzezeitliches Himmelswissen und die Rätsel der europäischen Goldhüte
Im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, im „Sternensaal“ des Neuen Museums, liegt ein 3.000 Jahre altes Artefakt, das dort eigentlich gar nicht hingehört. Es wurde bei Schifferstadt in der Pfalz entdeckt und ist ein 77 Zentimeter hoher goldener Spitzhut. Seine außergewöhnlich dünne Goldblechkonstruktion erstaunt bis heute, da sie trotz ihrer Feinheit die Jahrtausende überdauert hat.
Bis zur breiten Hutkrempe führen horizontale Bänder herab, die mit zahlreichen Symbolen verziert sind. Diese wurden zunächst von Archäologen als reiner Zierrat gedeutet. Zwischen den vielen großen Kugeln, die von mehreren Kreisen umgeben sind, befinden sich jeweils rechts und links vier kleinere Kugeln mit ähnlichen „Halos“. Diese Ordnung wird von Rädern mit jeweils acht Speichen unterbrochen. Das erinnert an das indische Lebensrad (Dharma-Chakra), wobei im Buddhismus die acht Speichen den Edlen Achtfachen Pfad symbolisieren.
Die eigentliche Sensation ging von Forschungen aus, die zeigten, dass sich der Goldhut als soli-lunarer Kalender interpretieren lässt. Von diesen Goldhüten wurden in Deutschland drei Exemplare und in Frankreich ein weiteres gefunden. Der darin verschlüsselte metonische Zyklus wäre damit deutlich älter als der griechische Astronom Meton von Athen, nach dem dieser Zyklus benannt wurde.
Die bronzezeitlichen Gelehrten müssen über ein bemerkenswertes mathematisches und astronomisches Wissen verfügt haben, um solche Zusammenhänge zu erkennen. Ebenso dürften sie Teil eines weit vernetzten kulturellen Raumes gewesen sein, denn alle bekannten Goldhüte weisen ähnliche Kunststile und Symbolsysteme auf.
Dass von möglichen schriftlichen Überlieferungen dieser Zeit kaum etwas erhalten blieb, könnte auch auf die spätere Vernichtung heidnischer Traditionen zurückzuführen sein. Historische Quellen berichten, dass unter Ludwig dem Frommen heidnische Kultgegenstände und Schriften bekämpft wurden. Ob dabei jedoch konkrete astronomische Aufzeichnungen verloren gingen, bleibt Spekulation.
Bekanntlich besteht ein Sonnenjahr aus 365 Tagen und etwa einem Vierteltag. Deshalb wird in unserem Kalender regelmäßig ein Schalttag eingefügt. Ein Mondjahr umfasst dagegen rund 354 Tage. Nach 19 Jahren kehren die Stellungen von Sonne und Mond nahezu an dieselben Punkte des Himmels zurück. Die Symbolbänder des Berliner Goldhuts werden von vielen Forschern als Codierung genau dieses 19-jährigen Zyklus interpretiert – mehrere Jahrhunderte vor Meton von Athen. Eine solche Erkenntnis setzt langfristige und präzise Himmelsbeobachtungen voraus.
Darüber hinaus wird diskutiert, ob mit dem Wissen hinter dem Goldhut auch Finsternisse von Sonne und Mond näherungsweise vorausberechnet werden konnten. Diese Forschungsergebnisse passen zu zahlreichen Hinweisen auf vorgeschichtliche Beobachtungsstätten des Himmels im vorchristlichen Europa.
Die vier bekannten Goldhüte in Europa
- Berliner Goldhut: Um 1000–800 v. Chr. gefertigt, am besten erhalten.
- Goldener Hut von Schifferstadt: Gefunden 1835 in Rheinland-Pfalz, der älteste (um 1400 v. Chr.).
- Goldkegel von Ezelsdorf-Buch: Gefunden 1953 in Bayern, mit 88 cm der höchste Hut.
- Goldblechkegel von Avanton: Gefunden 1844 in Frankreich nahe Poitiers. [1, 2, 3, 4]
Infobox: Weiterführende Literatur
Empfohlene Literatur
- Wilfried Menghin: Der Berliner Goldhut – Astronomisches Kultgerät der Bronzezeit
- Harald Meller (Hrsg.): Der geschmiedete Himmel
- Miranda Aldhouse-Green: Die Welt der Kelten
- Barry Cunliffe: Europa zwischen Ozean und Steppe
- Veröffentlichungen des Staatliche Museen zu Berlin zum Berliner Goldhut
Hinweis: Die Deutung der Goldhüte als Kalenderinstrumente wird von vielen Fachleuten unterstützt, einzelne Details ihrer Nutzung bleiben jedoch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.






