O unschuldige Seele
Passend zur Osterzeit, einer Zeit des Neubeginns und der Versöhnung, möchte ich heute ein besonderes lyrisches Stück von W. Franzson mit euch teilen. Es erzählt von Fehlern, Reue und der mutigen Entscheidung, der Liebe eine zweite Chance zu geben. Ich wünsche euch allen ein frohes Osterfest voller Hoffnung und innerem Frieden.
O unschuldige Seele, du naive,
warum offenbartest du ihm diese?
Er benutzte so deine Gefühle
zur Durchsetzung all seiner Ziele.
Er konnte kommen und gehen –
Du ließest alles geschehen!
Fürchtest ihn sonst zu verlieren,
er tat sich davor nicht genieren.
Um zu lieben, warst du geboren,
hast deine Liebe und dein Leben verloren.
Jetzt ist er alt und allein,
sieht seine ganzen Fehler kummervoll ein.
Da sprach sie zu ihm in der Nacht
mit vergebener Stimme, ganz sacht:
„Jetzt habe ich mich entschieden,
mich nochmals zu verlieben!
Klüger werden wir bald wiedergeboren
und zur neuen Ehe auserkoren!
Tränen beweisen deine Reue –
versuchen wir’s noch einmal aufs Neue!“
(W. Franzson)
🪷 Buddhistische Überlegung
Das Gedicht entfaltet ein klassisches Spannungsfeld menschlicher Existenz, wie es auch in der Lehre des Buddhismus beschrieben wird: die Verstrickung in Anhaftung (Upādāna), das daraus entstehende Leiden (Dukkha) und die Möglichkeit innerer Wandlung.
Die „unschuldige Seele“ steht hier für ein Herz, das aus reiner liebender Güte (Metta) heraus handelt – jedoch ohne Weisheit. Im buddhistischen Verständnis ist Mitgefühl ohne Einsicht oft verletzlich, da es sich an vergängliche Formen bindet. Der Schmerz entsteht nicht allein durch das Verhalten des anderen, sondern durch das Festhalten an Erwartungen, durch das Bedürfnis, geliebt zu werden.
Der Mann hingegen verkörpert Unwissenheit (Avijjā): Er nutzt, statt zu erkennen. Erst im Alter – konfrontiert mit der Vergänglichkeit (Anicca) – beginnt Einsicht. Reue ist hier ein erster Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis, doch sie kommt spät, nachdem Karma bereits gewirkt hat.
Besonders bedeutsam ist die Stimme der Frau „in der Nacht“. Sie spricht nicht aus Bitterkeit, sondern aus einem Zustand des Vergebens. Dieses Vergeben ist kein naives Zurückkehren in alte Muster, sondern kann als Hinweis auf das Prinzip der Wiedergeburt (Saṃsāra) verstanden werden: Die Möglichkeit, aus vergangenen Fehlern zu lernen und in einem neuen Dasein bewusster zu handeln.
Doch hier liegt auch eine subtile Warnung:
Im buddhistischen Pfad geht es nicht darum, dieselben Bindungen in neuer Form zu wiederholen, sondern sie zu durchschauen und letztlich zu überwinden. Wahre Befreiung entsteht nicht durch ein „noch einmal“, sondern durch das Erkennen der Ursachen des Leidens und deren Auflösung – wie es im Dhammapada anklingt:
„Aus Anhaftung entsteht Leid; wer frei von Anhaftung ist, kennt kein Leid.“
So kann dieses Gedicht als karmische Schleife gelesen werden – oder als Einladung zur Bewusstwerdung:
Nicht die Liebe selbst ist das Problem, sondern das unbewusste Festhalten an ihr.
👉 Die tiefere buddhistische Frage lautet daher:
Willst du dich erneut binden – oder endlich erkennen, was dich bindet?






