Kapitel 6: Omas Zwölf-Häuser-Dorf
Auf vereinzelten uns entgegenkommenden Mopeds saßen vermummte Thais mit tief herabgezogenen Strohhüten und in Schals eingewickelten Gesichtern. Kokospalmen markierten die enge, staubige Landstraße – so hoch wie Laternenmasten, nur hingen dort statt Glühbirnen die fleischigen Nüsse unter den wenigen grünen Wedeln.
Wir sammelten einige herabgefallene Kokosnüsse auf und schlürften gierig deren warmes Wasser. Kaltes Wasser hätte uns nur noch mehr ins Schwitzen gebracht. Diese Baumgruppen erinnerten an Weihnachtsbäume – nur statt bunter Glasfiguren grüßten uns braune Kugeln.
Einige Meilen weiter flogen an unserem Autofenster weite Flächen von Ananasplantagen vorbei. Ananas wächst nicht auf Bäumen, sondern an Strunken wie bei uns der Rosenkohl – allerdings nur mit jeweils einer Frucht. Während der Vorbeifahrt fühlte es sich an, als überflöge man mit einem Segelflieger einen Nadelwald.
Wir rasteten an einem aus Brettern und Balken errichteten Gebäude mit Palmenblätterdach, dem ein vom Telegraphenmast herabgeleitetes Kabel Elektrizität zuführte. Kein Neider gibt es dort, der sich an so etwas stören würde. Man muss „gönnen können“, sagt der Kölsche doheem.
Wir verzehrten Früchte, die wie Mirabellen aussahen und wie eine Mischung aus Pfirsich und Mango schmeckten. Mangos kosteten einen Euro und schmeckten tausendmal besser als die bei uns importierten. Angelika schaufelte Reis in sich hinein und probierte zerhackten Frosch, den sie wegen der nicht entfernten Knochen beiseiteschob.
Thailand ist einer der weltweit größten Reislieferanten, und auch Puis Oma war Reisbäuerin.
Eine alte Thailänderin kam auf einem Moped vorbeigeknattert und trug einen deutschen Wehrmachtshelm. Die Briten hatten Birma zur Linken und die Franzosen Vietnam zur Rechten von Thailand besetzt, und die Thais standen im letzten Weltkrieg auf Seiten der Deutschen und Japaner. Die Engländer forderten seit Kriegsende Schiffladung über Schiffladung kostenlosen Reis aus Thailand als „Kriegsentschädigung“. Kein Wunder, dass Englands Beliebtheit hier ihre Grenzen hat.
Auf all unseren Reisen erkannten wir religiöse Anlagen an ihren gelben Grenzbändern oder gelben Wimpeln mit dem roten buddhistischen Dharma-Chakra – dem Rad der Lehre.
Weiter ging es noch einige Meilen bis zu „Omas Weiler“. Vier Häuser lagen zur Rechten des Sandweges und vier Häuser zur Linken. Zwei bescheidene Krämerläden bildeten das Zentrum.
Omas Holzhaus stand mittenmang, umgeben von hohen Stauden, an denen lange braune Schoten hingen, gefüllt mit Nüssen. Björn führte sich eine in den Mund und verzog – uns zur Warnung – sein Gesicht.
Ein elender Hund mit verkrüppelten Beinen humpelte über den Weg, verfolgt von einem streitsüchtigen Hahn. Puis Oma schlief auf der Veranda auf einer Liege. Thais meiden die Bodennähe wegen der vielen Skorpione und Schlangen, die sich wiederum für den unter der Veranda abgestellten Hausmüll interessieren.
Puis Oma griff nach ihren Gehstützen und ließ sich ausgiebig herzen. In einem von Frauen dominierten Land genießen die ältesten Frauen den größten Respekt.
Sie wurde mehr ins Auto gehoben als geführt, und schon erlebten wir die Heimfahrt im Filmrücklauf. Müde kamen wir in Nakhon Sawan an und waren froh, dass Puis Oma den Monat als Gast am großen Fluss verblieb.
Jetzt, wo auch das letzte Familienmitglied eingesammelt war, konnte Björn und Puis Hochzeit vorbereitet werden.
Geld ist für Thais nur bedrucktes Papier – man kann es nicht essen. Deshalb ist man froh, wenn man es gegen etwas Schönes ausgeben kann.
Angelika und ich waren glücklich, wieder in unserem 30-qm-Hotelzimmer zu sein. Die Fenster zum schmalen Balkon ließen sich öffnen, ebenso die davor gelagerten Rahmen mit Fliegengitter.
Als Dusche und Toilette diente ein großer, tiefer gelegener Seitenraum, damit kein Duschwasser in das kleine Flurzimmer laufen konnte. Im Flur stand ein kleiner Kleiderschrank mit Zimmertresor für unsere privaten Sachen.
Auch in diesem Hotel schlossen sich Roman und „G“ immer ein. So oft Björn an deren Zimmertür klopfte, rief Roman: „Habe jetzt keine Zeit!“ Diesen Satz konnte „G“ schon auf Deutsch sprechen.
Thai-Speisen habe ich schnell hinter mir gelassen – viel zu scharf oder viel zu süß. Selbst die Coca-Cola schmeckte hier doppelt so süß, weshalb wir „Est-Cola“ bevorzugten, die etwa wie Pepsi-Cola bei uns schmeckte.
Auch die Butter ist gesüßt, und Frischkäse fand ich nur mit Erdbeer- oder Pfirsichgeschmack.
In einem Supermarkt fand ich schließlich sogar „Philadelphia-Käse“. Mit Freudentränen entdeckte ich bulgarischen Joghurt und geringe Mengen Scheibenkäse. Leidenschaftlich geworden, konnte ich sogar eine Dose Thunfisch erwerben.
An einer Fleischtheke starrte ich mit weit aufgerissenen Kinderaugen auf eine kleine Leberwurst. Heimlich verzehrten wir unsere Köstlichkeiten auf dem Hotelzimmer. Plastikteller und Plastikbesteck hatte ich mir unten am Basar einpacken lassen.
Als ich meine Entdeckungen am nächsten Morgen in der Frühstückshalle nicht mehr verschweigen konnte, leerten sich unsere Nebentische mit den Farangs so schnell, dass ich meinen Wortdrang etwas bereute.
Wir konnten zum Frühstück auch Spiegeleier bestellen. Sie wurden aus kleinen Backförmchen serviert. Doch bei „Ham and Eggs“ machten sie böse Gesichter, und ich konnte von Pui nur so viel erfahren, dass es etwas schmutzig-Sexistisches bedeute.
Aber Spiegeleier taten es auch – zumal sie mir aus Herzförmchen zubereitet wurden.
Leserfrage
Wie verändert sich unser Blick auf Wohlstand und Lebensqualität, wenn wir das einfache Leben in einem Dorf erleben, in dem Gemeinschaft wichtiger ist als Besitz?
Buddhistische Überlegung
Das kleine Dorf mit seinen wenigen Häusern erinnert an eine grundlegende buddhistische Einsicht:
Nicht Reichtum oder Besitz schaffen Zufriedenheit, sondern Genügsamkeit und Gemeinschaft.
In vielen traditionellen Kulturen ist das noch spürbar:
Man teilt, was man hat, respektiert die Ältesten und lebt näher an der Natur.
Vielleicht liegt darin eine stille Erinnerung an das, was der Buddha rechte Lebensführung nannte – ein Leben, das nicht vom Überfluss, sondern von Achtsamkeit getragen wird.

unsere Reise nach Thailand Teil 4
Lesedauer 3 MinutenIm vierten Teil der Reise führt der Weg der Familie aus den touristischen Regionen tief in das ländliche Thailand. Zwischen Kokospalmen, staubigen Landstraßen und einfachen Holzhäusern begegnet der Reisende dem Alltag der Menschen – ihrer Landwirtschaft, ihren Traditionen und ihrem Familiensinn.
Die Begegnung mit Puis Großmutter zeigt eine Welt, in der Alter und Erfahrung besonderen Respekt genießen und Gemeinschaft wichtiger ist als Besitz.

unsere Reise nach Thailand Teil 3
Lesedauer 5 MinutenDer dritte Teil der Reise führt hinaus auf die sagenumwobenen Inseln Südthailands und weiter ins Herz des Landes. Zwischen politischen Spannungen, tropischer Naturgewalt, familiären Begegnungen und humorvollen Alltagsbeobachtungen verdichtet sich das Erlebte.
Die äußere Reise wird zunehmend zu einer inneren – zwischen Schutzbedürfnis, Staunen und kultureller Achtsamkeit.



